Am 27. Juni

Manue­la Tomić weiß vie­le Absur­di­tä­ten zu erzäh­len

Am 27. Juni 2025 liest Manuela Tomić aus ihrem Buch "Zehnfingermärchen" in der Bücherei in Eberstein. Die Lesung beginnt um 18 Uhr.

Manue­la Tomić weiß vie­le Absur­di­tä­ten zu erzäh­lenManuela Tomić wurde in Sarajevo geboren und wuchs in Völkermarkt auf.

© Clemens Fabry

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“Ich kor­re­spon­die­re lie­ber im Inland mit mei­nem aus­län­di­schen Selbst”, lesen wir in einer Geschich­te Manue­la Tomić resü­mie­rend. Dar­in erzählt sie, wie sie als ange­hen­de 22-jäh­ri­ge Jour­na­lis­tin im Rah­men einer “Jour­na­lis­ten­rei­se” in Beglei­tung mit einer Kol­le­gin schei­ter­te: “Sie sind für den Job als Aus­lands­kor­re­spon­den­tin völ­lig unge­eig­net”, mein­te die Kol­le­gin zu ihr.

Ent­lang von Fik­ti­on und Rea­li­tät

Die­se Geschich­te ist nicht nur eine der 99 Pros­ami­nia­tu­ren, die sich im Drei­eck von Sara­je­vo, Völ­ker­markt und Wien bewe­gen — Tomić bringt mit die­ser poin­tier­ten Anek­do­te in ihrem Buch “Zehn­fin­ger­mär­chen. Klei­ne Pro­sa” gera­de­zu unschein­bar auch ihr ver­folg­tes Pro­gramm zur Spra­che: Von Wien aus ent­lang von Fik­ti­on und Rea­li­tät, Gegen­wart und Ver­gan­gen­heit mit ihrer Kind­heit zu kor­re­spon­die­ren. Und das mit einer gro­ßen Por­ti­on Selbst­iro­nie und viel Witz.

Von Bos­ni­en nach Völ­ker­markt

Manue­la Tomić wur­de 1988 in Sara­je­vo gebo­ren, weni­ge Jah­re spä­ter brach der Jugo­sla­wi­en­krieg aus — sie und ihre Fami­lie flüch­te­ten dar­auf­hin nach Süd­kärn­ten und fan­den bei Fami­li­en­an­ge­hö­ri­gen in einer klei­nen Ort­schaft bei Völ­ker­markt ein neu­es Zuhau­se: Sie bezo­gen “eine win­zi­ge Woh­nung über einem Dorf­gast­haus”, “jah­re­lang racker­te sich Mut­ter in der Klein­stadt­piz­ze­ria ab” und ihr Vater roll­te im LKW durch die Nacht. Das Fremd­sein und der Krieg am Bal­kan waren im Hin­ter­grund immer prä­sent.

“moza­ik” als gro­ßes Gan­zes

Doch das liegt schon lan­ge zurück. Tomić war Redak­teu­rin bei der Wochen­zei­tung FURCHE und ist als Autorin in Wien tätig — und das ist ein gro­ßer Glücks­fall. So ent­stan­den näm­lich unter dem Titel “moza­ik” unzäh­li­ge per­sön­li­che Kolum­nen, die sich alle zwei Wochen in den lite­ra­ri­schen Jour­na­lis­mus ein­ord­nen las­sen und ein gro­ßes Gan­zes bil­den. In die­sen Pros­ami­nia­tu­ren erzählt die Autorin von erleb­ten Skur­ri­li­tä­ten, krum­men Geschich­ten und ver­rück­ten Din­gen, die sich bei ihren Lebens­sta­tio­nen zwi­schen Bos­ni­en, Kärn­ten und Wien zuge­tra­gen haben.

Der Ter­min

  • Ter­min: 27. Juni 2025, 18 Uhr
  • Ort: Büche­rei Eber­stein (Max-Koh­la-Weg 6, 9372 Eber­stein)
  • Mode­ra­ti­on: Sebas­ti­an Gray­er

Aus­zug aus ‘Zehn­fin­ger­mär­chen’

Hoch­span­nung!
Eines Win­ters über­sie­del­ten mei­ne Eltern nach Ober­sie­lach, einem gespens­ti­schen Ort in Süd­kärn­ten. Die Fens­ter­lä­den der Bau­ern­häu­ser blie­ben geschlos­sen, die Stra­ßen waren men­schen­leer, die Beleuch­tung war beklem­mend spär­lich. Nur das gro­ße Umspann­werk am Ran­de der Sied­lung leuch­te­te hell im dich­ten Nebel. Vor mir bäum­ten sich gigan­ti­sche Strom­mas­ten auf und dazwi­schen reih­ten sich Metall­pfei­ler mit roten Köp­fen wie rie­si­ge Steck­na­deln anein­an­der. Wenn Mut­ter mich früh mor­gens in die Schu­le fuhr, nick­ten mir die roten Köp­fe der Tra­fos durch die eisi­ge Auto­schei­be zu. Das fan­tas­ti­sche Umspann­werk elek­tri­fi­zier­te mich. Es war mein täg­li­ches Wun­der. „Hoch­span­nung!“ Vor­sicht Lebens­ge­fahr, stand auf gel­ben Schil­dern, die wie Wun­der ankün­de­ten. Ich erwar­te­te einen schwar­zen Blitz. Wenn ich trau­rig war und Trost such­te, spa­zier­te ich nach der Schu­le zum Werk. Das Zir­pen, das die Luft erfüll­te, beru­hig­te mich. Viel­leicht wür­den die Ali­ens mei­ne Signa­le über die surr­ren­den Strom­mas­ten emp­fan­gen. In einer kal­ten Nacht, es war Hei­lig­abend, war­te­ten wir auf Vater, der wochen­lang mit sei­nem LKW unter­wegs war und jede Minu­te nach Hau­se kom­men soll­te. Als wir den Wagen am Hori­zont erblick­ten, lie­fen wir auf die schnee­mat­schi­ge Stra­ße. Von wei­tem sah der LKW aus wie ein Spiel­zeug­au­to. Dahin­ter warf das rie­si­ge Umspann­werk hun­der­te klei­ne Licht­lein an. Sie fla­cker­ten magisch in die Nacht. Mein Vater sprang mit einer roten Zip­fel­müt­ze aus dem LKW, der bumm­voll mit Geschen­ken war. Ich wuss­te es, ich hat­te einen hoch­ge­spann­ten Draht zum Christ­kind.
22.06.2025 15:00 - Update am: 30.10.2025 08:31
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Manue­la Tomić weiß vie­le Absur­di­tä­ten zu erzäh­lenManuela Tomić wurde in Sarajevo geboren und wuchs in Völkermarkt auf.

© Clemens Fabry