"Driver"-Geschichten
Ein Kärntner als Fernfahrer im Orient
Der Feldkirchner Johann Rottensteiner gilt als „lebendes Nachschlagewerk“ für Erlebnisse vieler Straßenkapitäne. Er sammelt „Driver“-Geschichten.
Er kennt die Fernfahrer-Szene wie kaum ein anderer: Johann Rottensteiner (72) aus Feldkirchen© privat
Er kennt die Fernfahrer-Szene wie kaum ein anderer, sammelt Trucker-Infos aus aller Welt und war selbst zehn Jahre im Orient mit einem tonnenschweren Gefährt unterwegs: Johann Rottensteiner (72) aus Feldkirchen. Seine authentischen Aufzeichnungen umfassen mehrere Bücher, Mappen, Foto-Serien, Zeitungsausschnitte und Dokumente. In den Adern des ehemaligen Straßenkapitäns fließt immer noch Diesel. Kein Wunder, wenn er sich stets mit Gleichgesinnten, ehemaligen „Brummi-Fahrern“ und aktiven Lenkrad-Artisten trifft, um kuriose Erlebnisse und Erfahrungen auszutauschen.
Driver-Job: ein romantisches Dasein?
“Das Fernfahrerleben ist alles andere als leicht und sicher kein Honigschlecken. Wenn man auf kaum befahrenen Routen außerhalb Europas unterwegs ist, erlebt man oft böse Überraschungen oder ist tagelang zum öden Strecken-Herunterspulen verdammt. Ich kann mir aber auch heute keinen anderen Beruf vorstellen.” Trotz aller möglichen Schikanen durch manche Behörden, schwer zu befahrbaren Wüstenwegen und Probleme mit der Technik atme man ein großes Stück Freiheit ein. Ein romantisches Dasein, wie oft in Filmen dargestellt, sei der Driver-Job nicht. “Und man braucht dafür vor allem drei Dinge – Geduld, Geduld, Geduld.”
„Brummi“-Zeit ohne größere Schrammen
Rottensteiner, der gewisse Ladungen und fabrikneue Autos aller Marken und Modelle von Europa in den Orient überstellt hat, kennt alle Tricks “seiner Berufsgruppe”, auch wenn er sie selbst nie angewandt hat: Das reicht von gefälschten Fahrtenschreibern über „lästige“ Bordsteinschwalben bis hin zum Erwerb von Aufputsch- und Suchtgiftmitteln. In gewissen Fernfahrerlagern erhält man „alles“, was der liebe Gott geschaffen hat, erzählt Rottensteiner, der mit einem 20-Tonner-Lader seine „Brummi“-Zeit ohne größere Schrammen überleben konnte. Ob ein plötzlicher Motorschaden mit seinem „fahrenden Riesen“ bei einer Überstellung von Bulgarien nach Jordanien, ob kleinere Bestechungen bei gewissen Polizeistationen, ob tagelanges Warten an diversen Grenzen und auf Fähren oder ein ungewöhnlicher Öl-Transport zu einem „heißen“ Kriegsschauplatz – der Kärntner könnte stundenlang von seinen Einsätzen auf diesen Routen erzählen.
Unvergessliche Geschichten
Einmal musste er nach einem LKW-Unfall in Griechenland drei Tage in einer Zelle verbringen, bis sich seine Unschuld herausgestellt hat. Im damaligen Jugoslawien lief ihm ein Betrunkener in seinen fahrenden „Brummi“. Der Mann erlitt schwere Verletzungen. Glücklicherweise gaben Zeugen an, dass er für diesen Zwischenfall nicht verantwortlich war. Eines lernte der Feldkirchner schnell: Mit Geld kann man rasch „alles regeln“. Etwa vor einem Schnellrichter wegen irgendwelcher Delikte. Unvergesslich für Rottensteiner war ein besonders heikler Transport: Er musste persönlich zwei Millionen Dollar in einem Koffer und per Flugzeug von einem Land in ein anderes bringen. Der langjährige Fahrer: „Es ging um einen Kauf einer Münchner Firma. Ich kam damals problemlos durch alle Sicherheitssperren und den Zoll. Das wäre heute sicher nicht mehr möglich.“
“Familie, die dafür Verständnis aufbringt”
Die Mittelmeerfähre „Zenobia“ sank im Juni 1980. Sie galt als wichtige Verbindung zwischen dem Balkan und Syrien. 23 Fahrzeuge aus Österreich waren beim Untergang der Fähre an Bord, alle Passagiere konnten gerettet werden. Auf dieser Fähre hätte auch „Rotti“ sein sollen, wurde aber von einem Kollegen aus Keutschach vertreten. Dieser schilderte noch lange die dramatischen Szenen. Unter den vielen Zeitungausschnitten findet sich auch eine Serie in der mittlerweile eingestellten „Kärntner Tageszeitung“. Ein Reporter, der einen jungen Fernfahrer eines St. Veiter Transportunternehmers in den Orient begleitet hatte, schildert in diesen Berichten das Fernfahrerleben in seinen vielen Facetten.
Von LKW-Geisterfahrern auf Autobahnen war genauso die Rede, wie von bestochenen türkischen Polizisten – mit alten Sexheften und billigen Zigaretten. Übrigens – Rottensteiner kennt auch die „Asphaltschlangen“ seiner Heimat, war er doch auch mit Lastwägen in Kärnten unterwegs. Was man für ein Fernfahrer-Leben braucht? Rottensteiner ohne nachzudenken: „Eine Familie, die dafür Verständnis aufbringt…“




