Nationalratswahl
Bierpartei: Lästige Fragen nicht erwünscht!
Bandleader, Rocker, Kabarettist, Mediziner, Autor und Parteichef Dr. Dominik Wlazny (Künstlernamen Marco Pogo) ließ jetzt seine Fans wissen, dass er bei der Nationalratswahl kandidieren werde und wählte dabei einen Begriff, den man sonst einer anderen Partei bei Bierzeltlaune zuordnen würde.
© Markus Distelrath/Pixabay
Es ist ein schäumendes Getränk, das durch Gärung aus stärkehaltigen Stoffen gewonnen wird. Bei der Herstellung des „kühlen Blonden“ werden Hopfen und andere Würzstoffe verwendet. Für verschiedene Sorten. Eine Bierpartei war also längst überfällig – und erblickte 2015 in der Alpenrepublik das Licht der Welt, gedacht als ironischen Seitenhieb gegen die bestehende Parteienlandschaft. Bandleader, Rocker, Kabarettist, Mediziner, Autor und Parteichef Dr. Dominik Wlazny (Künstlernamen Marco Pogo) ließ jetzt seine Fans wissen, dass er bei der Nationalratswahl kandidieren werde und wählte dabei einen Begriff, den man sonst einer anderen Partei bei Bierzeltlaune zuordnen würde. Sein Antreten im Herbst werde für Schnappatmung in den anderen Parteizentralen sorgen. Schnappatmung? So wird eine schwere, lebensbedrohende Atemstörung bei tief Bewusstlosen genannt – bis zum Atemstillstand. Das wünscht man politischen Gegnern? Noch dazu weiß der studierte Mediziner genau, was man unter Schnappatmung versteht. Jetzt wollen wir nicht kleinlich sein. Auch Vertreter anderer Parteien halten sich mit verbalen Untergriffen nicht zurück und liefern sich „tiefe“ Wortgefechte und gegenseitige Schuldzuweisungen. Kein Wunder, dass die Politikverdrossenheit wächst und sich „Otto“- und „Ottilie-Normalverbraucher“ eine Alternative suchen und in einer Bierpartei eine Protestmöglichkeit sehen. Wlaznys Chancen, ins Hohe Haus einziehen zu können, sind deshalb realistisch, auch wenn es sich um einen großartigen PR-Gag für seine Musik handeln dürfte. Wer den Sprung ins Parlament schafft, wird vom Steuerzahler belohnt, was der Polit-Rocker derzeit dringend benötigt. Sein Finanzierungsziel, 1,2 Millionen Euro aufzutreiben, hat der Musiker nicht erreicht, auch die angestrebte Mitgliederzahl. Aber der Stimmenzulauf bei der Präsidentschaftswahl lässt Marco Pogo hoffen. Doch neue Protestparteien kommen und gehen. Selbst Milliardär Frank Stronach hat es nicht geschafft, seine politischen Pläne umzusetzen. Jungwähler wissen nicht einmal mehr, dass der Wirtschaftsboss einmal die politische Arena bereichert hat. Von anderen kurz am bunten Parteienhimmel aufgeblitzten Organisationen ganz zu schweigen.
Zweifellos muss man Mister Marco Polo, sorry Marco Pogo, neidlos zugestehen, dass er Achtungserfolge erzielen konnte. Etwa acht Sitze in Wiener Bezirksräten. Aber eben unter den erwähnten Voraussetzungen. Als „Wir-zeigen-es-denen-da-oben-Organisation“, die Regierung samt Opposition neugierig auf den Mann mit den tätowierten Armen blicken lässt. Aber beim derzeit schlechten Ruf aller etablierter Parteien hätte wohl auch eine Schnaps‑, Likör oder Weinpartei gewisses Stimmenpotential. Die Roten versuchen mit einem gemeinsamen Obmann einen gemeinsamen Weg zu finden. Die Schwarzen (Türkisen) blamieren sich gerade völlig unnötig mit lachhaften Aktionen (Verbrennungsmotor bis Leitkultur), die noch siegessicheren Blauen kämpfen mit dem Spionage- und einem Inseratenskandal. Die Grünen haben als Regierungspartei Baustellen offen und die Pinken kommen nicht vom Fleck. Da nützt den Neos selbst die Rückholaktion altgedienter Recken kaum etwas. Und für die Kommunisten gilt der Leitsatz „Die Hoffnung stirbt zuletzt“. Da rechnet sich Kabarettist Polo natürlich Chancen aus. Und er hofft auf Wutbürger und jene, die sich von der Regierung im Stich gelassen fühlen. Auch in anderen Ländern zogen „Spaß-Parteien“ vorübergehend in Volksvertretungen ein, zerbröselten aber im harten Alltagsgeschäft. In einer funktionierenden Demokratie sollte man Parteien und Politiker ernst nehmen – und bei jeder Wahl zur Abstimmung schreiten.

Werfen wir einen Blick auf das Bierpartei-Programm, das auf der betreffenden Homepage nachzulesen ist. Da finden sich eitsätze wie: Aktiver Kampf gegen Kinder- und Familienarmut. Stärkung des sozialen Wohnbaus. Ausbau des öffentlichen Verkehrsnetzes. Kampf gegen Gewalt an Frauen. Bildungsgerechtigkeit für alle. Innovationskraft der Wirtschaft fördern usw. Klingt alles recht nett und gut. Aber diese No-Na-Forderungen kann jeder unterschreiben! Wo bleiben blitzende Ideen, radikale Vorschläge oder aufsehenerregende Änderungen? Und wo ein Finanzierungsplan? Das hätte der liebe Herr Wlazny bei seiner Pressekonferenz bekanntgeben können. Hat er aber nicht. Seine Ankündigung, bei der Nationalratswahl anzutreten, kam nicht überraschend. Doch dann sorgte der junge Parteichef, der vieles anders machen will als die „Alt-Parteien, für Unverständnis. Fragen der Journalisten waren nicht erlaubt, lästiges Nachhaken war nicht erwünscht. Sprechen durfte nur Dominik Wlazny. Wo bleibt die Pressefreiheit? Ein peinlicher Auftritt, der den Stimmen-Magier entzaubert hat. Vielleicht sollte man doch in aller Ruhe ein Bier trinken und den Rummel um den Politik-Showman vergessen, der in einer ehemaligen Satzung festgeschrieben hat, dass die „Bierokratie“ vom Volke aus gehe und man fremden Bieren gegenüber Toleranz üben müsse. Das klingt nicht nach neuer Politik, sondern nach einem Programm vom Villacher Fasching. Und jetzt noch der „Maulkorb“ für Journalisten! Na, dann Prost!

