Interview
Beben in Mittelkärnten: Geologe klärt auf
Das Erdbeben am Sonntagabend (2. April 2023) in Mittelkärnten hat viele Kärntner verunsichert. "KLiCK"-Kärnten hat beim Geologen Günther Weixelberger nachgefragt, ob wir uns sorgen müssen.
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Dass in Österreich die Erde bebt, ist nicht unwahrscheinlich. Nur wenige Tage zuvor — am 30. März 2023 — wurde ein Erdbeben der Stärke 4,2 in Gloggnitz im südlichen Niederösterreich gemessen. “Neben Kärnten, und Niederösterreich ist auch Tirol ein Beben-Hotspot”, erklärt Geologe und Erdbebenexperte Günther Weixelberger, der aber gleichzeitig beruhigt: “Aktuell ist keine merkbare Erhöhung der Bebentätigkeit – weder in Kärnten noch in anderen Regionen Österreichs – zu verzeichnen”. Im Durchschnitt werden in Österreich etwa fünf bis zehn Erdbeben pro Tag registriert. Nur in wenigen Fällen erreichen sie Stärken, dass sie von der Bevölkerung wahrgenommen werden.
2) Welchen geologischen Hintergrund hatte das Beben in Mittelkärnten?
Als Ursache des Bebens von St. Veit an der Glan ist die enorm komplexe bruchtektonische Situation in dieser Region zu nennen, die vom Krappfeldbecken im Nordosten über den Großraum von St. Veit bis ins Klagenfurter Becken reicht. Das heißt, die obere Erdkruste ist infolge der Entstehung der Alpen – ein Prozess der nach wie vor andauert – in diesem Gebiet in viele kleine Einzelschollen zerbrochen. Durch den Gebirgsbildungsprozess bewegen sich diese Einzelschollen unterschiedlich zueinander, sowohl in seitlicher Richtung als auch hinsichtlich ihrer Höhenlage. Dieses interne Zerbrechen äußert sich auch an der Oberfläche, was letztlich zu dem hier ausgesprochen reizvollen Landschaftsbild mit seinen oft breiten Tälern, ausgedehnten Beckenlagen, Hügel- und Bergrücken geführt hat.
Bei diesen Bewegungen in der oberen Kruste kommt es aber nicht zu einem ständigen Aneinandergleiten der einzelnen Krustenbruchstücke, sondern diese verhaken sich und es kommt zu einem allmählichen Spannungsaufbau. Erreicht die Spannung schließlich einen gewissen Punkt kommt es zu einer ruckartigen Entspannung – einem Erdbeben. Nachdem sich die Kruste damit an dieser Stelle entspannt hat, kommt es dadurch aber zu Spannungsumlagerungen in anderen Bereichen in der Nähe, die sich dann auch wieder ruckartig entspannen müssen – das sind dann die Nachbeben. Dieser Prozess dauert so lange, bis im gesamten Umfeld eine allgemeine Entspannung in den obersten Krustenteilen stattgefunden hat. Übrigens: bis zum 4. April mittags, also etwa 40 Stunden nach dem stark spürbaren Ereignis am 2. April, hat es bei St. Veit an der Glan insgesamt schon zehn Nachbeben gegeben – zumeist jedoch deutlich unterhalb der Wahrnehmungsschwelle.
2) Müssen die Kärntner beunruhigt sein?
In Kärnten ist keine auffällige Häufung von Beben zu verzeichnen, man kann im Prinzip von „normalen“ Aktivitäten ausgehen. Sicherlich gibt es Phasen in denen mehrere spürbare Erdbeben in relativ engen Zeiträumen hintereinander auftreten, die dann von mehreren Jahren abgelöst werden, in denen keine fühlbaren sondern nur rein messbare Erschütterungen unterhalb der Wahrnehmungsschwelle stattfinden. Auch wenn solche Ereignisse wie am 2. April für viele Personen beunruhigend sind, muss man sich generell keine zu großen Sorgen von einem Starkbeben in Kärnten machen.
3) Nachbeben haben angeblich auch etwas Gutes, was?
Nachbeben tragen zum Spannungsabbau in der Erdkruste bei. So unangenehm auch ein spürbares Erdbeben ist, es gilt – je mehr desto besser. Wenn sich die Erdkruste entspannt ist es eben viel problemloser wenn dies im Zuge zahlreicher kleinerer Ereignisse passiert als in einem Großbeben. Ich vergleiche das gerne mit dem täglichen Leben. Wenn man in einem Gebäude vom ersten Stock die Treppe ins Erdgeschoß hinuntergeht, erfährt der Körper bei jedem Schritt, bei jeder Stufe eine kleine Erschütterung. Wenn man hingegen aus dem Fenster im ersten Stock hinunterspringt, hat die Erschütterung im Körper beim gleichen Höhenunterschied durchwegs wesentlich schlimmere Auswirkungen! Ähnlich verhält es sich bei den Stoßwellen infolge von Erdbeben.
4) Wie verhält man sich bei einem Erdbeben richtig?
Wenn man sich in einem Gebäude befindet und sofern man die Möglichkeit hat, sollte man sich in Türrahmen von tragenden Mauern stellen, da diese Hausbereiche oft am stabilsten sind. Gegen herabfallende Mauerteile hilft es auch, wenn man Schutz unter massiven Tischen oder anderen massiven Einrichtungsgegenständen sucht.
Wände auf Stabilität prüfen
Prinzipiell kann es nie schaden, wenn man sich einmal in aller Ruhe um solche Plätze in jenen Gebäuden umschaut, in denen man sich oft aufhält, in der eigenen Wohnung oder in seinem Haus, im Büro oder seinen anderen Arbeitsstätten. Vielfach handelt es sich bei vermeintlichen massiven Mauern aber nur um dünne Zwischenwände oder Trockenbauwände, die kaum Schutz bieten. Ein kurzes Draufklopfen liefert eine rasche Informationen.
Achtung beim Rauslaufen!
Natürlich ist es oft das Beste wenn man schnell aus dem Haus rennt. Doch Achtung: vor allem bei älteren Objekten mit verzierten Hausfassaden kann es gerade durch solche herabfallende Fassadenteile zu Gefährdungen an der unmittelbaren Außenkante von Gebäuden kommen. Solche Probleme gibt es bei starken Beben aber unter Umständen auch bei Neubauten, wo sich etwa Steinplattenverkleidungen oder große Glaselemente von der Fassade lösen können. Also, wenn man es nach draußen schafft, unbedingt einige Meter von den Gebäuden weglaufen – und wenn es geht sich dabei nicht von Autos niederführen lassen!
5) Wir haben alle noch die Bilder vom Beben in Syrien und der Türkei im Hinterkopf? Kann so etwas auch in Kärnten auftreten? Wie wahrscheinlich ist das?
Zum Glück haben wir in Österreich nicht so starke Krustenbewegungen, die zu häufigen Starkbeben wie in der Türkei, in Japan, Kalifornien oder zahlreichen weiteren Regionen auf unserem Planeten führen. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein solch massives Beben in seiner Lebensspanne stattfindet, ist ausgesprochen gering, Aber alle paar Jahrhunderte kommt es leider auch in unserem Land zu katastrophalen Erschütterungen. Gerade auch in Kärnten. Besonders sticht dabei das Beben vom 15. Jänner 1348 ins Auge, das sein Epizentrum zwar in Friaul hatte, wegen seiner enormen Stärke aber auch zu massivsten Schäden in Österreich führte. Dies verursachte die Zerstörung zahlreicher Dörfer und Burgen und löste einen Großbrand in Villach aus. Die gewaltigste Auswirkung war aber, dass sich ein weiter Bereich der Südflanke des Dobratsch löste und einen riesigen Bergsturz verursachte. Durch diese Felsmassen wurde die Gail zwischen Villach und Arnoldstein aufgestaut. Als dieser natürliche „Staudamm“ nach Tagen durchbrach, führte die Flutwelle zur Zerstörung weiterer Dörfer. Wenn man heute auf der A2 zwischen Villach und Arnoldstein fährt, durchquert man über viele km noch diese bewachsene Bergsturzmasse – erkennbar anhand der unzähligen riesigen Gesteinsblöcke und schotterförmigen Buckel beiderseits neben der Autobahn.
6) Wie ist das Beben in Mittelkärnten einzuordnen?
Das Beben vom 2.4.2023 kann als ein völlig normales Ereignis eingeordnet werden. Gerade in solchen Gegenden, in denen die obere Erdkruste tektonisch stark zerlegt ist, muss man sogar mit solchen kleineren Erschütterungen rechnen. Sie werden uns auch zukünftig nicht erspart bleiben. Aber, wie schon zuvor erwähnt, besser immer wieder kleinere Beben wie diesmal, als Jahrzehnte keinerlei Erschütterungen und danach ein Starkbeben. Auch wenn manche zukünftige Beben zu vereinzelten kleineren Gebäudeschäden führen mögen, sollte man sein Leben nicht in Angst vor einem Großbeben verbringen – die Wahrscheinlichkeit dahingehend ist bei uns zum Glück ausgesprochen gering.
Vorsicht ist geboten!
Vorsicht ist aber dennoch walten zu lassen, da sich gerade in Friaul eine Starkbebenzone befindet, wobei dortige Großereignisse auch in Kärnten, der angrenzenden Steiermark und in Slowenien zu massiveren Schäden führen können. Daher nochmals der eindringliche Apell, geschützte Aufenthaltsbereiche in Gebäuden ausfindig machen um im Anlassfall rasch einen sicheren Fluchtpunkt erreichen zu können. Und wenn man neu baut oder ein Gebäude grundsaniert – unbedingt die in Österreich für jede Region ausgewiesene Erdbebenzone berücksichtigen!