Interview mit Experten

“Tik­tok” und der Kampf um Auf­merk­sam­keit

Millionen von Menschen posten auf der Socialmedia-Plattform täglich personalisierte Kurzvideos. Das Ringen um Aufmerksamkeit dieser sogenannten „Creators“, die meist zwischen 16 und 24 Jahre alt sind, scheint ungeahnte Ausmaße anzunehmen. Doch, was steckt eigentlich dahinter? „KLiCK“-Kärnten hat beim Experten nachgefragt.

“Tik­tok” und der Kampf um Auf­merk­sam­keit Social Media Platfformen sind zwar lustig, können und sollen aber kein Ersatz für soziale Kontake und reale Begegnungen sein.

© Gerd Altmann/Pixabay

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Ursprüng­lich war Tik­tok als Lip­pen­syn­chro­ni­sa­ti­on von Musik­vi­de­os gedacht. Mitt­ler­wei­le las­sen sich die Vide­os mit Spe­zi­al­ef­fek­ten und Fil­tern nach­be­ar­bei­ten. Je unter­halt­sa­mer und krea­ti­ver der Clip, des­to öfter wird er ange­se­hen. Dar­aus resul­tiert ein regel­rech­ter Boom und das Ver­lan­gen nach Klicks und Likes, wel­che die User auf­grund erstell­ten Vide­os bekom­men. Es ent­steht ein regel­rech­ter Wett­kampf um Bewer­tun­gen und Auf­merk­sam­keit von ande­ren. „Das Rin­gen um Auf­merk­sam­keit ist kei­nes­wegs neu“, weiß Ver­hal­tens­the­ra­peut Jochen Loben­wein.

Auf­merk­sam­keit macht Sinn

„Jedes Indi­vi­du­um strebt danach gese­hen und bemerkt zu wer­den. Das gibt unse­rem Leben einen Sinn. Dar­an hat sich im Lau­fe der Zeit auch nichts geän­dert und wird sich auch nichts ändern“, sagt Loben­wein.  Was sich ändert, ist das nur das Medi­um, durch die man Auf­merk­sam­keit bekommt. Was sich frü­her über sozia­le Kon­tak­te und Begeg­nun­gen für man­che schwie­rig gestal­tet hat, wird durch das Inter­net und Social Media für jeden User leicht gemacht, näm­lich gese­hen und bemerkt zu wer­den.

Die Hem­mun­gen sind gefal­len

Selbst­in­sze­nie­rung wird auf Social Media groß­ge­schrie­ben. Durch die Distanz der Kame­ra, Anony­mi­tät und die unzäh­li­gen Wie­der­ho­lungs­ver­su­che in Rich­tung Per­fek­ti­on ver­schwim­men die Gren­zen. Man traut sich mehr. „Sehn­süch­te, Fan­ta­sien, aber auch Aggres­sio­nen, Frust oder der Umgang mit schwie­ri­gen Emo­tio­nen kön­nen über das Inter­net leich­ter kana­li­siert und aus­ge­lebt wer­den“.

Jugend inter­es­siert sich für Psy­che

Das Inter­es­se an der Auf­merk­sam­keits­de­fi­zit-Hyper­ak­ti­vi­täts­stö­rung kurz ADHS kön­nen Psy­cho­lo­gen und Psy­cho­the­ra­peu­ten seit eini­gen Jah­ren bemer­ken. Durch sozia­le Netz­wer­ke ver­brei­ten sich sol­che Phä­no­me­ne wie Lauf­feu­er. Was dabei Trend­cha­rak­ter hat, ist oft im Vor­aus nicht ersicht­lich. „Gene­rell sind aber die The­men Emo­tio­na­li­tät, Psy­che und psy­chi­sche Erkran­kun­gen bei Jugend­li­chen von hohem Inter­es­se“, bemerkt Loben­wein. Seit eini­ger Zeit ist ein deut­li­cher Anstieg der The­ra­pie­an­fra­gen für Jugend­li­che mit ADHS zu ver­zeich­nen. „Das heißt, dass sich die Gesell­schaft mit der The­ma­tik aus­ein­an­der­setzt und sen­si­bi­li­siert ist. Aber auch, dass den wirk­lich Betrof­fe­nen durch The­ra­pie­an­ge­bo­te bes­ser gehol­fen wer­den kann“.

Was ist ADHS?

Die Auf­merk­sam­keits­de­fi­zit-Hyper­ak­ti­vi­täts­stö­rung (ADHS) ist eine kom­bi­nier­te, neu­ro­bio­lo­gi­sche Stö­rung bestehend aus einem Auf­merk­sam­keits­de­fi­zit und einer Hyper­ak­ti­vi­tät. „Die Schwie­rig­keit die Auf­merk­sam­keit zu hal­ten, dazu Hyper­ak­ti­vi­tät und Impul­si­vi­tät zäh­len zu den Haupt­merk­ma­len und beein­träch­ti­gen die schu­li­sche (beruf­li­che) Leis­tungs­fä­hig­keit und die sozia­len Kon­tak­te maß­geb­lich. Um dies zu dia­gnos­ti­zie­ren ist aller­dings eine umfas­sen­de, die engen Bezugs­per­so­nen mit­ein­be­zie­hen­de Dia­gnos­tik und Explo­ra­ti­on erfor­der­lich“.

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Jochen Loben­wein, Psy­cho­the­ra­peut in Kla­gen­furt
© Jochen Loben­wein

Kein Ersatz für sozia­le Kon­tak­te!

Der Exper­te warnt davor, sich die The­ra­pie auf der Social Media Platt­form zu suchen. „Hier wer­den Infor­ma­tio­nen oft 1 zu 1 wei­ter­ge­ge­ben, ohne sich genau mit der Mate­rie beschäf­tigt zu haben“. Man­che, die selbst erkrankt sind, glau­ben jetzt ande­ren hel­fen zu kön­nen. „Oft wird einer Erkran­kung auch zum Zweck der Selbst­dar­stel­lung miss­braucht“. Auch wenn Tik­tok & Co. Spaß machen, kön­nen sie nie­mals sozia­le Kon­tak­te erset­zen, son­dern nur eine Ergän­zung sein. Der abschlie­ßen­de Rat des Exper­ten: „Eltern soll­ten mit einem guten Bei­spiel vor­an­ge­hen und dar­über bescheid wis­sen, was ihre Kin­der im Netz trei­ben“.

06.05.2023 19:00
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“Tik­tok” und der Kampf um Auf­merk­sam­keit Social Media Platfformen sind zwar lustig, können und sollen aber kein Ersatz für soziale Kontake und reale Begegnungen sein.

© Gerd Altmann/Pixabay