Sonja Kettenring

„Ich schrei­be dort, wo ich allein bin“

Sonja Kettenring gewann mit ihrem Text „Fliegende Rinder“ den Kurzgeschichten-Wettbewerb „WortReich“ des Kärntner Bildungswerks. "KLiCK Kärnten" traf sie zum Gespräch.

„Ich schrei­be dort, wo ich allein bin“ "KLiCK Kärnten" erreicht Sonja Kettenring über Skype im Baden-Württembergischen Kraichsgau in der Nähe von Heidelberg.

© KLiCK Kärnten/Grayer

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„War­um ich schrei­be?“, wie­der­hol­te Max Frisch Pfei­fe rau­chend die Fra­ge und konn­te sich ein Grin­sen nicht ver­knei­fen. „Weil ich Lust habe, weil ich irgend­et­was tun muss, weil es schwer ist, das Leben aus­zu­hal­ten, ohne sich aus­zu­drü­cken“. Für Son­ja Ket­ten­ring ist die­se Fra­ge nicht min­der schwie­rig. „Mir fällt da immer Rein­hold Mess­ner ein, der ein­mal gefragt wur­de, war­um er denn auf einen Berg hoch­stei­gen wür­de. ‚Weil er halt da ist‘ war die Ant­wort“. Sie hat also kei­ne ande­re Wahl, als zu schrei­ben und her­vor­zu­brin­gen? „Dafür schrei­be ich dann doch eher wenig, aber im End­ef­fekt, ja, schon irgend­wie“. Sie mache das eben ger­ne, und wenn sie es nicht mache, feh­le da etwas. Wohl­mög­lich brei­tet sich ansons­ten ein Gefühl des Unbe­ha­gens aus, man fühlt sich irgend­wie fremd, wenn man als Autor:in nicht schrei­ben kann.

Unnö­ti­gen Bal­last beim Schrei­ben abwer­fen

Bei dem Namen Kent Haruf bli­cken wir bei­de in unser Regal. Ihr Blick geht nach oben, mei­ner nach unten. Das Gemein­sa­me ist schnell gefun­den, auch wenn ich sie über Sky­pe im Baden-Würt­tem­ber­gi­schen Kraichs­gau in der Nähe von Hei­del­berg errei­che; wir sehen ein­an­der trotz­dem. „Ich mag es total, wie er die­ses bana­le Klein­stadt­le­ben beschreibt. Es pas­siert nicht irgend­was Groß­ar­ti­ges. Es ist eine nor­ma­le Stadt, wie man sie über­all auch antref­fen könn­te. Und die Figu­ren, ich fin­de sie groß­ar­tig beschrie­ben“. Harufs Roma­ne erzäh­len Geschich­ten aus der Klein­stadt Holt, ihnen wohnt etwas zutiefst All­täg­li­ches und Mensch­li­ches inne. So auch sei­ner Spra­che, die bei Ket­ten­ring in ähn­li­cher Wei­se Anwen­dung fin­det. „Ich mag es, wenn es eine eher ein­fa­che Spra­che ist, nicht so viel Schnör­kel. Son­dern rela­tiv ein­fach und schlicht“. Ket­ten­ring wirft beim Schrei­ben unnö­ti­gen Bal­last von den Sät­zen ab, spürt dem Nöti­gen all­mäh­lich nach und schließt Über­flüs­si­ges kon­se­quent aus.

Über das Tage­buch hin­aus

Vage scheint sie sich noch an ihre Schreib­an­fän­ge zurück­zu­er­in­nern, über das Fül­len ihres Tage­buchs, also einer inten­si­ven Tech­nik des Selbst, sei sie um das 20. Lebens­jahr her­um zum Schrei­ben in der heu­ti­gen Form gekom­men, die in der eben geschil­der­ten Wei­se exis­tiert und funk­tio­niert. „Das ist sehr lan­ge her“. Dann tra­ten klei­ne­re Geschich­ten hin­zu und die Teil­nah­me an Schreib­se­mi­na­ren und ‑foren folg­te. „Irgend­wie wur­de es dann mit der Zeit immer mehr“, der Raum für das krea­ti­ve Schrei­ben wuchs schon in jun­gen Jah­ren viel­ver­spre­chend bei ihr her­an. „Eher spä­ter als frü­her in mei­nem Fall“, lacht sie.

Wie die wit­zig-absur­de Geschich­te ent­stand

„Flie­gen­de Rin­der“ – so heißt und davon erzählt der Text, mit dem Ket­ten­ring die Jury über­zeug­te. Sie bedient sich rund 1.000 Wör­tern und ent­wirft mit ihnen eine wit­zig-absur­de Geschich­te. Ihr Text ist ent­lang den Ein­drü­cken eines Schreib­fo­rums ent­stan­den, in dem sie nach wie vor aktiv ist. „Jemand hat das Stich­wort ‚Flie­gen­de Kühe‘ oder ‚Flie­gen­de Rin­der‘ in den Raum gestellt und dann hat mich das ange­spro­chen“. Nach und nach stieß Ket­ten­ring auf sich zusam­men­fü­gen­de Wort­schnip­sel und es ent­sprang aus ihnen her­aus eine Geschich­te, der Schreib­pro­zess setz­te sich in Gang. Um den Text ein­rei­chen zu kön­nen, muss­te sie ihm aller­dings mit Kür­zun­gen begeg­nen. „Das hat dem Text ganz gut­ge­tan“, als hät­te der Text gewis­ser­ma­ßen ein Eigen­le­ben, und dem ist auch so. Ein Moment der Unver­füg­bar­keit mel­det sich zu Wort. „Ent­stan­den ist er ziem­lich schnell, aber dann hat er sich ver­än­dert, immer mal kür­zer, dann kam wie­der was hin­zu und was ande­res weg“. Das reflek­tie­ren­de Bear­bei­ten ist Teil jeder schöp­fe­ri­schen Tätig­keit.

Wie das mit dem Schrei­ben ist

Im übli­chen Ent­ste­hen die in Schrift geron­ne­nen Nach­wer­ke ihres Tuns, wie es die Lite­ra­tur­so­zio­lo­gin Caro­lin Amlin­ger for­mu­liert, im ruhi­gen Allein­sein. „Ich schrei­be lie­ber, wo ich allein bin“, in Cafés zu schrei­ben sei näm­lich nichts für sie. „Höchs­tens noch, dass ich mich wäh­rend dem Spa­zier­gang hin­set­ze“. Spa­zier­gän­ge ver­bin­det sie wohl mit Tho­mas Bern­hard, das Café als Schreib­stu­be grenzt sie zu ihm ab; doch das bleibt eine Ver­mu­tung. Als „Keim­zel­le“ ihrer Schreib­pro­zes­se fun­gie­ren Stim­mun­gen, bestimm­te Sät­ze, also „wenn etwas da ist“, an denen sich wei­te­re poten­zi­al­träch­ti­ge Ein­fäl­le anschlie­ßen. Sie initi­ie­ren und brin­gen das Schrei­ben in Gang. „Auch ist es so, dass ich hier eine Wei­le sit­ze und mir den­ke, ‚was könn­te ich jetzt schrei­ben?‘“ Es daue­re dann immer meh­re­re Momen­te, bis was kom­me, an sie her­an­tre­te sozu­sa­gen. Auf die­se Wei­se gelingt eine Offen­heit.

Autorin als Rezi­pi­en­tin

Den Akt des Lesens als Rezi­pi­en­tin sieht sie im Gegen­satz zu einem infor­ma­tiv- und hand­lungs­ge­trie­be­nen Vor­gang. Ihr Akt des Lesens mate­ria­li­siert sich viel­mehr im Inter­es­se an den Figu­ren. „Ich lese haupt­säch­lich wegen der Figu­ren. Wenn mir Leu­te stun­den­lang irgend­wel­che Hand­lun­gen beschrei­ben, das inter­es­siert mich nicht so stark“. Wie ver­hal­ten sich die Figu­ren, wel­che Moti­ve lie­gen ihrem Ver­hal­ten zugrun­de und ist das schlüs­sig, dass sie sich so ver­hal­ten? – Durch ihr Lesen nimmt sie Ant­wor­ten auf die­se Fra­gen in sich auf. „Und was füh­le ich dabei? Berührt mich die Geschich­te?“, rei­hen sich eben­so hier ein und ein rei­ner Lese­vor­gang rückt damit in wei­te Fer­ne.

Arbeit macht Schreib­ar­beit mög­lich

Wie so vie­le Autor:innen auch, führt Ket­ten­ring ein Dop­pel­le­ben, das eine ermög­licht gera­de erst das ande­re. Damit ist das Außer­li­te­ra­ri­sche ange­spro­chen, das not­wen­dig für die Ver­wirk­li­chung der eigent­li­chen Schreib­ar­beit ist. „Ich bin Mama, Autorin und ich tra­ge Post aus“. Ihr Mann sor­ge für den Groß­teil des gemein­sa­men Lebens­un­ter­halts, ohne ihn wäre das Schrei­ben kei­nes­falls mög­lich. Abge­se­hen davon brau­che es auch die not­wen­di­ge Zeit, um in die Stim­mung des Schrei­bens zu kom­men.

Kärn­ten ist ihr bes­tens ver­traut

Kärn­ten ist ihr kei­nes­wegs unbe­kannt, seit mehr als 15 Jah­ren kom­me sie näm­lich schon für den Urlaub an den Weis­sen­see. „Es ist so schön, wir kom­men immer wie­der“. Ein klei­ner Wer­muts­trop­fen sei für sie, dass Kärn­ten doch am Ende einer gro­ßen Stre­cke liegt. Von der Lesung im Juni nimmt sie vor allem mit, dass es eine tol­le Ver­an­stal­tung war. „Ich fand es sehr schön, dass wir noch zum Essen zusam­men­sa­ßen und mit­ein­an­der ins Gespräch kamen“. So sehr die Schreib­tä­tig­keit von der Zurück­ge­zo­gen­heit lebt, so wich­tig sind auch Lesun­gen. Der Wett­be­werb zeigt wie wich­tig es ist, dass Autor:innen selbst ihre ver­fass­ten Tex­te vor­tra­gen, dass die­se ihre gro­ße Sen­si­bi­li­tät für Gegen­wart unter Beweis stel­len und dass das geschrie­be­ne Wort nach einer Öffent­lich­keit ver­langt. „Ich kom­me immer ger­ne nach Kärn­ten“.

Die Schwe­re und das Absur­de

Ihr ein­ge­reich­ter Text ist warm geschrie­ben und mit hel­len Tönen aus­ge­klei­det, man stößt sich nicht an unan­ge­neh­men oder har­ten Kan­ten, sie sind humor­voll bedeckt. „Ich lese durch­aus posi­tiv gefärb­te Roma­ne, wobei mir eher jene hän­gen blei­ben, die etwas Schwe­res an sich haben“. Und eigent­lich gestal­tet sich ihr Schrei­ben auch so, sie schrei­be eher an schwe­re­ren Sachen. Doch wen­det sie sich eben­so von der ihr so bezeich­ne­ten „Novem­ber­stim­mung“ ab und bedient sich dem Absur­den und dem Sur­rea­len. „Das macht mir auch Spaß“.

Was Ket­ten­ring jun­gen Men­schen rät

„Viel lesen, viel schrei­ben, und noch mehr schrei­ben und noch mehr lesen“, rät sie jun­gen Men­schen, die Autor:innen wer­den möch­ten. Auch in Sozia­li­tä­ten ein­zu­tre­ten, nennt Ket­ten­ring etwa, also Wege zu fin­den, um sich mit ande­ren Autor:innen über die per­sön­li­che Schreib­ar­beit aus­zu­tau­schen. Dadurch ver­schärft sich der eige­ne Blick auf den Text, macht ande­re Zugän­ge denk­bar und das Pro­vi­so­ri­sche und Vor­über­ge­hen­de am sich for­men­den Text wird zuneh­mend tro­cken und här­tet sich nach Revi­sio­nen und Distanz­neh­men zu einem les­ba­ren Schrift­stück aus.

2024 erscheint ihr Roman

Die Autorin ver­öf­fent­licht im kom­men­den Jahr einen viel­ver­spre­chen­den Roman. Dar­in spielt die Natur eine gro­ße Rol­le, es gehe unter ande­rem um einen ver­ru­fe­nen See, vor dem jede:r war­ne, erzählt Ket­ten­ring. „Haupt­säch­lich geht es um die Bezie­hung von einem Enkel zu sei­nem Groß­va­ter, der bereits ver­stor­ben ist. Auf­grund des dem Enkel hin­ter­las­se­ne Tes­ta­ments hat der Groß­va­ter nach wie vor Gewalt über ihn“. Im Roman webt sie die Fra­ge ein, ob man sich ent­schei­den kann, wer man ist, oder ob man von ande­ren dazu gemacht wird. Ket­ten­ring bewegt sich damit in einem gesell­schaft­li­chen Span­nungs­feld, zwi­schen Exis­ten­zia­lis­mus und Struk­tu­ra­lis­mus. Lesen Sie bald selbst!

02.07.2023 07:00 - Update am: 17.09.2023 15:48
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„Ich schrei­be dort, wo ich allein bin“ "KLiCK Kärnten" erreicht Sonja Kettenring über Skype im Baden-Württembergischen Kraichsgau in der Nähe von Heidelberg.

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