Kommentar
Unser Bildungssystem: „Von nun an gings bergab!“
„Von nun an gings bergab!“, trällerte einst Hildegard Knef mit ihrer unverwechselbaren Stimme. Der bekannte Song der deutschen Schauspielerin aus den späten 60-er-Jahren scheint, was das österreichische Bildungssystem betrifft, aktueller denn je. Sind die Unterrichtsmethoden zeitgemäß? Dieser und anderen Fragen widmet sich "KLiCK"-Kärnten Kolumnist Harald Raffer in seinem aktuellen Beitrag.
© Steven Weirather/Pixabay
Man versucht weiterhin mit verstaubten Lehrplänen, längst überholten Unterrichtsmethoden und kaum mehr zeitgemäßen Anleitungen junge Menschen zur „mittleren Reife“ zu erziehen. Eine geforderte Anpassung an neue Gegebenheiten wird oft als „ungeheuerlicher Widerstand“ missverstanden. Unternehmen und Organisationen passen sich unhaltbaren Zuständen an. So beanstandet der Rechnungshof, dass das Anforderungsprofil für Bewerbungen bei der Justizwache massiv gesenkt worden sei.
Margit Kraker, Präsidentin des Bundesrechnungshofes, kritisiert die Senkung der Anforderungen bei der Bewerbung für den Justizwachedienst. So sind in den Bereichen „Rechtschreibung“ und „Allgemeinwissen“ die Kriterien für einen positiven Abschluss des Bewerbungsverfahrens von 50 auf 40 Prozent gesenkt worden, bei „Rechnen“ sogar von 50 auf 33 Prozent! Ein Grund dafür sei die vorherrschende Personalnot, aber ohne „entsprechendes Rüstzeug“ wird ein solcher Berufsalltag schwer zu bewältigen sein. Auch bei anderen Einsatzorganisationen wie z. B. Polizei und Heer wurden Aufnahmekriterien zurückgeschraubt. Wer beim Polizei-Aufnahmeverfahren durchfällt, darf ein halbes Jahr später wieder antreten, ein Führerschein ist keine Pflicht mehr. Und manche Universitätsprofessoren ärgern sich über Studenten, die offensichtlich nur ein „besseres Volksschulniveau“ aufweisen, eine Schlussrechnung mit einer Putzmittel-Marke verwechseln und beim Begriff „Grammatik“ eine Rauschgiftsorte vermuten. Mit anderen Worten – also kaum mit Wissen glänzen. Was ist da los? Wie haben diese Nachwuchshoffnungen die Matura geschafft? Mit oder ohne Corona. Wobei es gewisse Kreise gibt, die die Reifeprüfung und gleich alle Schulnoten ersatzlos streichen wollen. Wie bitte soll man dann eine Leistung beurteilen? Stimmt – es geht für manche Zeitgenossen nicht mehr um Leistung. Man hat eh den im Handy eingebauten Taschenrechner und das „Rechtschreibprogramm“ dabei. Und die Allgemeinbildung? Politik, Wirtschaft, Medien und Geografie? Aber bitte, einmal bei „Google“ drücken und schon weiß man die Antwort. Wer hält sich da noch mit dem langweiligen Lesen auf – ist doch uncool, reine Zeitverschwendung, bewegungsfeindlich. Wer braucht Goethe, wer liebt Lavant oder Bachmann? Von Problemen jener Mädchen und Buben mit Migrationshintergrund ganz zu schweigen. Kein Wunder, wenn bei einer Umfrage unter Jugendlichen die meisten den Namen des Bundespräsidenten nicht kennen oder unsere Landeshauptstädte nicht aufzählen können. Wer braucht schon Allgemeinbildung? Deshalb kein Wunder: Unser Ranking beim Pisa-Test „mit Luft nach oben“. Dabei gibt es ausgezeichnete Pädagogen, die können und wollen, aber nicht dürfen!
Wir bekämpfen den akuten Lehrermangel mit kürzerer Ausbildung, Rückholaktionen der Pensionisten und neuem „Personal“ samt Schnellkursen in Sachen Pädagogik. Dafür lässt sich jener Herr Martin F. Polaschek, dem nichts Besseres einfällt, als weiterhin auf Steinzeit-Unterricht zu setzen, ordentlich feiern. Eine Schmalzlocke macht aus einem Juristen noch keinen Bildungsminister! Dabei gäbe es genügend interessante Vorschläge, aber da steht auch die Lehrergewerkschaft auf der Bremse. Man müsste parteiübergreifend die herrschende Nostalgie im Schulbereich über Bord werfen! Man könnte mehr Spezialwissen aus der Praxis vermitteln, bestehende Interessen bzw. Talente fördern, schwache Schüler gezielt unterstützen und kleinere Klassen bilden. Mit engagierten Lehrern, die die Lust am Lernen fördern und Kinder bei der Jagd nach Wissen erfreut anstacheln. Wichtig wären moderne Ausstattungen im Schulbereich, angepasste Lehrpläne (mit Turnen, Cyberkunde etc). Das alles kostet Geld – aber nicht viel weniger, als wir derzeit in ein altes und kaputtes System stecken. Vor allem die Interessen der Jugendlichen sollten verstärkt berücksichtigt und die jungen Menschen auf ihren künftigen Berufs- und Bildungsweg vorbereitet werden. Angeblich sind 80 Prozent der Jugendlichen nach zwölf Jahren Schule „ziemlich orientierungslos“. Wie soll man da, wenn man nicht unbedingt für ein bestimmtes Gebiet „brennt“, das richtige Studium finden?

Auch bei der Lehrlingsausbildung liegt einiges im Argen. Unternehmen klagen über „zu wenig geeigneten Nachwuchs“, andererseits klettert die Arbeitslosen-Spirale nach oben. Es kann nicht sein, dass junge Menschen einen Job schmeißen, weil sie nicht täglich in der Früh aufstehen wollen, kaum Vorgesetzte akzeptieren oder eh im Hotel „Papa/Mama“ leben und von „Work-Life-Balance“ träumen dürfen. Im Tourismus und im Handel denken nach einer Erhebung der AK und der Gewerkschaftsjugend bereits 54 Prozent der Lehrlinge darüber nach, die Ausbildung abzubrechen und den Job zu wechseln. Was ist mit Eigenverantwortung? Die Bemühung, den Meistertitel aufzuwerten, dürfte ein Schritt in die richtige Richtung sein. Sonst geschieht es wie bei unmotivierten Schülern, Schulabbrechern, etlichen Maturanten, gescheiterten Studenten – „von nun an gings bergab“.