Kommentar

Unser Bil­dungs­sys­tem: „Von nun an gings berg­ab!“

„Von nun an gings bergab!“, trällerte einst Hildegard Knef mit ihrer unverwechselbaren Stimme. Der bekannte Song der deutschen Schauspielerin aus den späten 60-er-Jahren scheint, was das österreichische Bildungssystem betrifft, aktueller denn je. Sind die Unterrichtsmethoden zeitgemäß? Dieser und anderen Fragen widmet sich "KLiCK"-Kärnten Kolumnist Harald Raffer in seinem aktuellen Beitrag.

Unser Bil­dungs­sys­tem: „Von nun an gings berg­ab!“ Angeblich sind 80 Prozent der Jugendlichen nach zwölf Jahren Schule „ziemlich orientierungslos“. Ob die verstaubten Unterrichtsmethoden ein möglicher Grund dafür sind, man weiß es nicht.

© Steven Weirather/Pixabay

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Man ver­sucht wei­ter­hin mit ver­staub­ten Lehr­plä­nen, längst über­hol­ten Unter­richts­me­tho­den und kaum mehr zeit­ge­mä­ßen Anlei­tun­gen jun­ge Men­schen zur „mitt­le­ren Rei­fe“ zu erzie­hen. Eine gefor­der­te Anpas­sung an neue Gege­ben­hei­ten wird oft als „unge­heu­er­li­cher Wider­stand“ miss­ver­stan­den. Unter­neh­men und Orga­ni­sa­tio­nen pas­sen sich unhalt­ba­ren Zustän­den an. So bean­stan­det der Rech­nungs­hof, dass das Anfor­de­rungs­pro­fil für Bewer­bun­gen bei der Jus­tiz­wa­che mas­siv gesenkt wor­den sei.

Mar­git Kra­ker, Prä­si­den­tin des Bun­des­rech­nungs­ho­fes, kri­ti­siert die Sen­kung der Anfor­de­run­gen bei der Bewer­bung für den Jus­tiz­wa­che­dienst. So sind in den Berei­chen „Recht­schrei­bung“ und „All­ge­mein­wis­sen“ die Kri­te­ri­en für einen posi­ti­ven Abschluss des Bewer­bungs­ver­fah­rens von 50 auf 40 Pro­zent gesenkt wor­den, bei „Rech­nen“ sogar von 50 auf 33 Pro­zent! Ein Grund dafür sei die vor­herr­schen­de Per­so­nal­not, aber ohne „ent­spre­chen­des Rüst­zeug“ wird ein sol­cher Berufs­all­tag schwer zu bewäl­ti­gen sein. Auch bei ande­ren Ein­satz­or­ga­ni­sa­tio­nen wie z. B. Poli­zei und Heer wur­den Auf­nah­me­kri­te­ri­en zurück­ge­schraubt. Wer beim Poli­zei-Auf­nah­me­ver­fah­ren durch­fällt, darf ein hal­bes Jahr spä­ter wie­der antre­ten, ein Füh­rer­schein ist kei­ne Pflicht mehr. Und man­che Uni­ver­si­täts­pro­fes­so­ren ärgern sich über Stu­den­ten, die offen­sicht­lich nur ein „bes­se­res Volks­schul­ni­veau“ auf­wei­sen, eine Schluss­rech­nung mit einer Putz­mit­tel-Mar­ke ver­wech­seln und beim Begriff „Gram­ma­tik“ eine Rausch­gift­sor­te ver­mu­ten. Mit ande­ren Wor­ten – also kaum mit Wis­sen glän­zen. Was ist da los? Wie haben die­se Nach­wuchs­hoff­nun­gen die Matu­ra geschafft? Mit oder ohne Coro­na. Wobei es gewis­se Krei­se gibt, die die Rei­fe­prü­fung und gleich alle Schul­no­ten ersatz­los strei­chen wol­len. Wie bit­te soll man dann eine Leis­tung beur­tei­len? Stimmt – es geht für man­che Zeit­ge­nos­sen nicht mehr um Leis­tung. Man hat eh den im Han­dy ein­ge­bau­ten Taschen­rech­ner und das „Recht­schreib­pro­gramm“ dabei. Und die All­ge­mein­bil­dung? Poli­tik, Wirt­schaft, Medi­en und Geo­gra­fie? Aber bit­te, ein­mal bei „Goog­le“ drü­cken und schon weiß man die Ant­wort. Wer hält sich da noch mit dem lang­wei­li­gen Lesen auf – ist doch uncool, rei­ne Zeit­ver­schwen­dung, bewe­gungs­feind­lich. Wer braucht Goe­the, wer liebt Lavant oder Bach­mann? Von Pro­ble­men jener Mäd­chen und Buben mit Migra­ti­ons­hin­ter­grund ganz zu schwei­gen. Kein Wun­der, wenn bei einer Umfra­ge unter Jugend­li­chen die meis­ten den Namen des Bun­des­prä­si­den­ten nicht ken­nen oder unse­re Lan­des­haupt­städ­te nicht auf­zäh­len kön­nen. Wer braucht schon All­ge­mein­bil­dung? Des­halb kein Wun­der: Unser Ran­king beim Pisa-Test „mit Luft nach oben“. Dabei gibt es aus­ge­zeich­ne­te Päd­ago­gen, die kön­nen und wol­len, aber nicht dür­fen!

Wir bekämp­fen den aku­ten Leh­rer­man­gel mit kür­ze­rer Aus­bil­dung, Rück­hol­ak­tio­nen der Pen­sio­nis­ten und neu­em „Per­so­nal“ samt Schnell­kur­sen in Sachen Päd­ago­gik. Dafür lässt sich jener Herr Mar­tin F. Pola­schek, dem nichts Bes­se­res ein­fällt, als wei­ter­hin auf Stein­zeit-Unter­richt zu set­zen, ordent­lich fei­ern. Eine Schmalz­lo­cke macht aus einem Juris­ten noch kei­nen Bil­dungs­mi­nis­ter! Dabei gäbe es genü­gend inter­es­san­te Vor­schlä­ge, aber da steht auch die Leh­rer­ge­werk­schaft auf der Brem­se. Man müss­te par­tei­über­grei­fend die herr­schen­de Nost­al­gie im Schul­be­reich über Bord wer­fen! Man könn­te mehr Spe­zi­al­wis­sen aus der Pra­xis ver­mit­teln, bestehen­de Inter­es­sen bzw. Talen­te för­dern, schwa­che Schü­ler gezielt unter­stüt­zen und klei­ne­re Klas­sen bil­den. Mit enga­gier­ten Leh­rern, die die Lust am Ler­nen för­dern und Kin­der bei der Jagd nach Wis­sen erfreut ansta­cheln. Wich­tig wären moder­ne Aus­stat­tun­gen im Schul­be­reich, ange­pass­te Lehr­plä­ne (mit Tur­nen, Cyber­kun­de etc). Das alles kos­tet Geld – aber nicht viel weni­ger, als wir der­zeit in ein altes und kaput­tes Sys­tem ste­cken. Vor allem die Inter­es­sen der Jugend­li­chen soll­ten ver­stärkt berück­sich­tigt und die jun­gen Men­schen auf ihren künf­ti­gen Berufs- und Bil­dungs­weg vor­be­rei­tet wer­den. Angeb­lich sind 80 Pro­zent der Jugend­li­chen nach zwölf Jah­ren Schu­le „ziem­lich ori­en­tie­rungs­los“. Wie soll man da, wenn man nicht unbe­dingt für ein bestimm­tes Gebiet „brennt“, das rich­ti­ge Stu­di­um fin­den?

 

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Auch bei der Lehr­lings­aus­bil­dung liegt eini­ges im Argen. Unter­neh­men kla­gen über „zu wenig geeig­ne­ten Nach­wuchs“, ande­rer­seits klet­tert die Arbeits­lo­sen-Spi­ra­le nach oben. Es kann nicht sein, dass jun­ge Men­schen einen Job schmei­ßen, weil sie nicht täg­lich in der Früh auf­ste­hen wol­len,  kaum Vor­ge­setz­te akzep­tie­ren oder eh im Hotel „Papa/Mama“ leben und von „Work-Life-Balan­ce“ träu­men dür­fen. Im Tou­ris­mus und im Han­del den­ken nach einer Erhe­bung der AK und der Gewerk­schafts­ju­gend bereits 54 Pro­zent der Lehr­lin­ge dar­über nach, die Aus­bil­dung abzu­bre­chen und den Job zu wech­seln.  Was ist mit Eigen­ver­ant­wor­tung? Die Bemü­hung, den Meis­ter­ti­tel auf­zu­wer­ten, dürf­te ein Schritt in die rich­ti­ge Rich­tung sein. Sonst geschieht es wie bei unmo­ti­vier­ten Schü­lern, Schul­ab­bre­chern, etli­chen Matu­ran­ten, geschei­ter­ten Stu­den­ten – „von nun an gings berg­ab“.

 

20.03.2024 09:00
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Unser Bil­dungs­sys­tem: „Von nun an gings berg­ab!“ Angeblich sind 80 Prozent der Jugendlichen nach zwölf Jahren Schule „ziemlich orientierungslos“. Ob die verstaubten Unterrichtsmethoden ein möglicher Grund dafür sind, man weiß es nicht.

© Steven Weirather/Pixabay