Klagenfurt
„Ohne Musik wäre das Leben nicht lebenswert!“
Sein Büro im zweiten Stock wirkt wie ein märchenhafter Requisitenraum. Während der Klagenfurter Stadttheater-Intendant Aron Stiehl (Jahrgang 1969) mit Harald Raffer spricht, verlangt sein vierbeiniger Begleiter „Moses“ ungestüm Streicheleinheiten.
© Harald Raffer
Der Opern-Regisseur, der seit 2020 den Kärntner „Kulturtempel“ leitet, freut sich über eine 85-Prozent-Auslastung und streut dem interessierten Publikum Rosen. Mozartfan Stiehl fühlt sich am Wörthersee „pudelwohl“.
“KLiCK”-Kärnten: Ihr Vertrag wurde auf weitere fünf Jahre verlängert. Auch der des kaufmännischen Direktors Matthias Walter. Freut Sie das?
Stiehl: Ja! Ich fühle mich sehr wohl hier. Das Stadttheater Klagenfurt ist ein besonders Haus mit besonderen Mitarbeitern. Ich inszeniere noch in anderen Ländern – aber ich komme immer gerne in die Lindwurmstadt zurück.
“KLiCK”-Kärnten: Sie sind den „Drogen“ Oper und Operette verfallen. Kommen Sprechstücke zu kurz?
Stiehl: Wir können pro Saison elf Stücke aufführen, sechs davon im Musiktheater und vier im Schauspiel plus ein Märchen. Mehr geht nicht, weil sonst Werkstätten und Technik überlastet wären. Wir produzieren hervorragende Musikstücke, diese Produktionen sind in Kärnten am beliebtesten.
“KLiCK”-Kärnten: Sie sind gebürtiger Hesse, kommen aus der Partnerstadt Wiesbaden. Spürt man einen kulturellen Unterschied?
Stiehl: Jede Stadt ist anders. Ich würde in Wiesbaden einen anderen Spielplan entwerfen. Klagenfurt und Österreich sind, Gott sei Dank, anders als Deutschland. Es gibt hier eine andere Kultur – weder besser, noch schlechter. Wir leben im Alpe-Adria-Raum mit einer slowenischen Minderheit. Darauf muss man eingehen. Die Österreicher benutzen die Sprache anders als die Deutschen. Die Österreicher singen viel mehr, haben mehr Klang in der Sprache. Den Nestroy-Abend könnte ich auf diese Weise in Deutschland nie zeigen. Auch Operetten muss man hier anders inszenieren. Beim Schauspiel wird in Österreich meiner Meinung nach mehr Wert auf die Sprache gelegt.
“KLiCK”-Kärnten: Sie haben den Zauberberg von Thomas Mann gelesen und von „Duftnoten“ wie Schuberts Lindenbaum oder Verdis Aida gesprochen. Brauchen Sie Musik?
Stiehl: Unbedingt. Ich brauche sie zum Atmen. Ohne Musik wäre das Leben nicht lebenswert. Sie zeigt, dass Leben nicht nur aus Fleisch und Blut besteht, sondern sogar aus Mathematik, etwa bei Bach. Mit Strukturen – klar und rein. Ich habe jetzt Parzifal und die Matthäus-Passion gehört. Alles Werke, die eine Wahrheit aufweisen, die weit über unsere Kultur hinausgeht.
“KLiCK”-Kärnten: Es gibt den ewigen Streit der Förderungen. Etwa zwischen Sport und Kultur. Zuletzt gab es helle Aufregung wegen eines gekürzten Stadttheater-Budgets — bei 270 Mitarbeitern. Da wurde nachgebessert…
Stiehl: Es freut mich, dass wir doch mehr Bundesmittel erhalten. Es freut mich auch, dass sich der Landeshauptmann und der Bürgermeister uneingeschränkt hinter das Theater gestellt haben. Es wird wohl eine Lösung für die Zukunft geben. Dieses Theater, das eine enorme Ausstrahlungskraft über Österreich hinaus besitzt, muss nachhaltig gesichert werden.
“KLiCK”-Kärnten: Gibt es eine „Zauberformel“, um die Jugend ins Theater zu locken?
Stiehl: Eine Zauberformel habe ich nicht. Wir sind aber bei der Jugendarbeit sehr erfolgreich. 20 Prozent unserer Besucherinnen und Besucher sind unter 27. Das kommt durch Jugendstücke, das Weihnachtsmärchen, die Theaterpädagogik. Bei der Theaterpädagogik schaffen wir eine Stelle, die von den Freunden des Stadttheaters finanziert wird. Hier werden Jugendliche an das Theater herangeführt. Theater kann aus jungen Menschen Persönlichkeiten formen, die das Handy weglegen.

“KLiCK”-Kärnten: Muss man als Regisseur bekannte Stücke zu Tode inszenieren?
Stiehl: Dass wir Stücke hinterfragen müssen, hat mit der jetzigen Zeit zu tun. Dabei sollte man Stücke nicht zerstören. Man muss sie auf die heutige Zeit hin überprüfen. Stillstand bedeutet Rückschritt. Die Griechen haben die Tragödie als heiliges Weihespiel für Demokratie und gesellschaftliche Weiterentwicklung aufgeführt. Etwa Elektra. Hofmannsthal hat Elektra verändert, Strauss hat Elektra geändert. Wie viele Aufführungen gibt es also? Diese Geschichten werden uns immer in einer anderen Form präsentiert. Auch Wagner hat den Ring für sich zurechtgebogen.
“KLiCK”-Kärnten: Was macht Theater aus, diese Bretter, die die Welt bedeuten…
Stiehl: Es geht um die Hinterfragung unserer Werte, das Einstehen für Menschenwürde und Demokratie.
“KLiCK”-Kärnten: Es gab zuletzt Skandale mit angeblich „handgreiflichen“ Regisseuren oder den Fall Teichtmeister…
Stiehl: Es gelten dieselben Prinzipien, die das Theater nach außen vertritt – man muss es auch nach innen leben, Es kann nicht sein, dass ein Stardirigent oder Regisseur diese Regeln bricht und Menschen unfair behandelt, mobbt oder ihnen die Würde raubt. Ich habe das selbst als Assistent erlebt. Das wird es hier nicht geben. Ich wollte jetzt einen Regisseur engagieren, aber zwei Mitarbeiterinnen haben sich dagegen ausgesprochen und diverse Vorfälle geschildert. Dann habe ich von einer Verpflichtung Abstand genommen. Wer Mitarbeiter respektlos behandelt, hat in diesem Haus nichts zu suchen. Der Herr Teichtmeister hat wiederum klare Grenzen überschritten.

“KLiCK”-Kärnten: Sollte man Stücke, die heute Kritik hervorrufen, umschreiben?
Stiehl: Die Diskussion geht an der Sache vorbei. Man müsste dann die Hälfte der bekannten Bilder abhängen, dürfte die Hälfte der Musik- und Theaterstücke nicht mehr spielen usw. Das Publikum ist nicht blöd und kennt die Zusammenhänge. Ich habe einen Kollegen, der schreibt Butterfly um. Das sollte nicht sein. Diese Werke muss man in ihrer Zeit sehen, kann sie nur dann begreifen. Und das Publikum ist ja nicht blöde und kann adaptieren.
“KLiCK”-Kärnten: Wird heute weniger gelesen, verschwindet die Fantasie?
Stiehl: Das kann ich nicht feststellen. Eine Gefahr sind aber die sozialen Medien.
“KLiCK”-Kärnten: Ihr Lieblingsautor?
Stiehl: Goethe – und Thomas Mann.
“KLiCK”-Kärnten: Lieblingsmaler?
Stiehl: Hieronymus Bosch.
“KLiCK”-Kärnten: Ärgern Sie sich über negative Theaterkritiken?
Stiehl: Nur wenn die Kritik niederträchtig oder boshaft ist.
“KLiCK”-Kärnten: Gibt es Stücke, die Sie in Klagenfurt unbedingt aufführen wollen?
Stiehl: Parsifal und Falstaff.
