Klima
Letzte Generation beendet ihre Proteste: Was bleibt?
Von Medien als "Klimakleber" tituliert, versammelten sich hinter dem Namen junge Menschen, die zu ungewöhnlichen Protestmethoden griffen, um Aufmerksamkeit für den Klimawandel und seine Folgen zu erregen.
Anja Windl (27) ist/war das wohl bekannteste Gesicht der Letzten Generation - nicht nur im deutschsprachigen Raum.© Kattnig
“Wir sehen keine Perspektive für Erfolg mehr”, heißt es in jener brisanten Presseaussendung, mit welcher sich die Letzte Generation Österreich am Beginn dieser Woche an die Öffentlichkeit wandte — und damit an die Gesellschaft, wie es heißt. “Mit dem heutigen Tag (6. August 2024) beenden wir unsere Proteste und die ‘Letzte Generation Österreich’.” Doch was bleibt von dieser Bewegung nach rund drei Jahren?
Vielfältige Protestformen
Von vielen Medien polemisch als “Klimakleber” tituliert, versammelten sich hinter dem Namen “Letzte Generation” besorgte junge Menschen, die bis dahin zu ungewöhnlichen Protestmethoden griffen, um öffentliche Aufmerksamkeit für den Klimawandel und seine Folgen zu generieren.
Wir haben weitergemacht trotz Gewalt, Morddrohungen, Festnahmen und Haft, Hass oder Strafen in Höhe von zehntausenden Euros.
Letzte Generation
“Konstanter Gegenwind”
Friedensforscher Maximilian Lakitsch von der Universität Graz ortet gleich mehrere Gründe, die zum Aus der Bewegung führten. “Es ist für viele verständlich, dass so ein konstanter Gegenwind irgendwo Bewegungen abreibt und dann den Wind aus den Segeln nimmt. Und die Motivation, wenn man wirklich mit existenziellen Hürden irgendwo konfrontiert ist”, meint Lakitsch im Interview mit dem ORF-Steiermark. Das könne ebenso zu Uneinigkeiten führen.
Mit der Zeit entzündete sich Wut und Ärger
Eines steht wohl nicht zur Debatte: Dass die Bewegung um die 27-jährige Anja Windl für zu wenig mediales Aufsehen sorgte — ganz im Gegenteil. Beschworen die Proteste anfangs noch Verständnis für den zivilen Ungehorsam der Jugendlichen und jungen Menschen, wandelte er sich ziemlich rasch zu einem Gefühl von Ärger und vor allem Wut auf die Protestierenden, die mitunter zu Entgleisungen führten, wie es in ihrer offiziellen Stellungnahme heißt. Entzündete sich auf der einen Seite Wut, sahen nicht wenige Menschen in den vom wuchernden Klimawandel verursachten Auswirkungen Rechtfertigung genug, zu einem derartigen zivilen Ungehorsam überzugehen, der Kosten vieler ausgetragen wird.
Fingerzeig auf die Gesellschaft
Für Lakitsch sei es jedoch nicht gelungen, die Klimaproteste auf ein notwendiges Ausmaß der Bevölkerung auszuweiten: „Weil sie es nicht geschafft hat, Wege zu finden, damit ihre Forderungen auch umgesetzt werden. Weil das dann damit viel zu tun haben mag, dass diese Forderungen sehr bevormundend gewirkt haben. Von einer gewissen erhobenen moralischen Position heraus, mit einem Fingerzeig auf die Gesellschaft. ‚Ihr zerstört den Planeten‘, ‚Ihr müsst sofort umkehren‘.“
2021 entstand die Protestbewegung
Ende 2021 entstand die Bewegung in Berlin. Der österreichische Ableger der Letzten Generation ging im Rahmen jener Proteste der “Lobau bleibt”-Bewegung hervor, die im Sommer 2021 als Reaktion auf die Bauprojekte Lobautunnel und Stadtstraße in Wien entstanden. Die Bewegung sieht sich als “erste Generation, die die Folgen der Klimakrise spürt, und gleichzeitig die letzte Generation, die noch gegensteuern kann.” Die Klimaproteste haben in den letzten drei Jahren zu Hass, Ablehnung und juristischen Folgen geführt. Letztere haben die Bewegung nach wie vor fest in Begriff, “weil immer noch hohe Geldstrafen und hohe Prozesskosten ausständig” seien.
Einerseits bleibt nun die Vermutung im Raum stehen, dass es nicht die letzte Letzte Generation gewesen sein wird: “Wir machen Platz, damit neues entstehen kann.” Der Wiederstand gehe weiter, so die verantwortlichen Köpfe. Anderseits ist der medial breitgetretene Ärger über die Protestaktionen in Kärnten und Österreich nach wie vor bemerkbar, der den engagierten Einsatz gegen den Klimawandel und seine spürbaren Konsequenzen schlussendlich trübt.
Stationen der Protestbewegung
- August bis September 2021: In Berlin findet der “Hungerstreik für Klimagerechtigkeit” statt.
- 24. Jänner 2022 blockieren Aktivisten erstmals im Rahmen des “Aufstandes der Letzten Generation” Straßen in Berlin. Weltweit entstehen Ableger.
- 7. Februar: Erste Straßenblockade in Österreich auf dem Wiener Gürtel.
- 7. November: Erste Straßenblockade in Graz und damit außerhalb von Wien. Es folgen weitere Städte in Österreich.
- 10. November: Zwei Aktivistinnen kleben sich an den Sockel eines Dinosaurier-Skeletts im Naturhistorische Museum.
- 22. November: Im Leopold-Museum schütten zwei Aktivisten Öl über das — durch Sicherheitsglas geschützte — Gemälde “Tod und Leben” von Gustav Klimt.
- Eine geplante Störung des Neujahrskonzertes wird verhindert.
- 9. Jänner 2023: Die Letzte Generation beginnt anlässlich des Schulstarts in der Hauptstadt für eine Woche jeden Tag mehrere Straßenabschnitte in Wien zu blockieren.
- 10. Jänner: Aktion der am Praterstern, wo sie erstmals vor Ort Unterstützung von Wissenschaftern erhalten hat. Später solidarisieren sich weitere Gruppen.
- 4. Mai: Das Wasser im Brunnen vor dem Parlament wird mit dem ungiftigen und unbedenklichen Farbstoff Uranin grün eingefärbt.
- 10. Mai: Bei einer Verkehrsblockade am Verteilerkreis wird ein Rettungswagen auf dem Weg zu einem Reanimationseinsatz blockiert. Die Wiener Berufsrettung kommt laut eigenen Angaben einige Minuten verspätet an, der Patient stirbt im Zuge des Einsatzes.
- 28. November: Ein Teil des ersten Führungsteams rund um Martha Krumpeck zieht sich zurück, um sich vermehrt Bürgerprotestbewegungen zu widmen.
- 24. Juli 2024: Am Wiener Flughafen wird der Abflug eines Flugzeugs nach Rom verzögert. Zwei Mitglieder befanden sich an Bord, sie weigerten sich, sich hinzusetzen.
- 27. Juli: Rund 50 Personen halten am Flughafen in der Ankunftshalle eine unangemeldete Kundgebung ab. Davor wird Farbe verschüttet, zu einer geplanten Blockade von zwei Terminals kommt es nicht.
- 6. August: Die Letzte Generation gibt die Auflösung bekannt.
Quelle: Der Standard (6. August 2024)



