Scheidung mit KI

Lie­be weg, Geld weg: Wenn ChatGPT die Schei­dung regelt

18 Seiten, jede Menge Paragrafen und scheinbar wasserdichte Formulierungen: Wer seinen Scheidungsvergleich von ChatGPT schreiben lässt, spart vielleicht zunächst beim Anwalt – könnte dafür aber später ordentlich draufzahlen. Zwei Klagenfurter Rechtsanwälte erklären, warum künstliche Intelligenz zwar viel über die Ehe weiß, aber nicht unbedingt, wie man sie rechtssicher beendet.

Lie­be weg, Geld weg: Wenn ChatGPT die Schei­dung regeltScheidung per Mausklick? ChatGPT erstellt zwar in Sekunden einen Scheidungsvergleich, doch fehlerhafte Formulierungen können am Ende Tausende Euro kosten. Kärntner Rechtsanwälte warnen vor teuren KI-Fallen.

© Klick Symbolbild

"KLICK Kärnten" auf Google als bevorzugte Nachrichtenquelle festlegen
Anzeige

KLAGENFURT. Bis dass der Algo­rith­mus euch schei­det? Was vor weni­gen Jah­ren noch nach Sci­ence-Fic­tion geklun­gen hät­te, ist mitt­ler­wei­le in Kärnt­ner Anwalts­kanz­lei­en ange­kom­men. Statt mit einem Sta­pel Unter­la­gen erschei­nen man­che Kli­en­tin­nen und Kli­en­ten heu­te mit einem fix­fer­ti­gen Schei­dungs­ver­gleich aus ChatGPT. Fein säu­ber­lich for­mu­liert, mit juris­ti­schen Fach­be­grif­fen gespickt und auf den ers­ten Blick durch­aus beein­dru­ckend.

So gesche­hen auch in der Kla­gen­fur­ter Rechts­an­walts­kanz­lei TRRP. Dort lan­de­te ein stol­zer 18-sei­ti­ger Schei­dungs­ver­gleich auf den Schreib­ti­schen von Dr. Mar­got Tonitz und Mag. Micha­el Rai­ner. Geschrie­ben hat­te ihn kein Jurist, son­dern eine künst­li­che Intel­li­genz.

Das Ergeb­nis? Viel Text, viel Fach­spra­che – aber nicht unbe­dingt viel Rechts­si­cher­heit.

Wenn ChatGPT zum Schei­dungs­an­walt wird

„Da gibt es Aus­füh­run­gen, die in kei­nen Schei­dungs­ver­gleich gehö­ren“, stellt Rechts­an­wäl­tin Dr. Mar­got Tonitz fest.

Was ChatGPT inner­halb weni­ger Sekun­den aus­spuckt, kann Juris­ten bei der Durch­sicht durch­aus eini­ge Stun­den beschäf­ti­gen. Denn die KI for­mu­liert zwar mit­un­ter wie ein erfah­re­ner Rechts­an­walt, kennt aber weder die per­sön­li­chen Hin­ter­grün­de der Betei­lig­ten noch sämt­li­che recht­li­chen Fein­hei­ten.

Beson­ders pikant: Manch­mal wird aus einer öster­rei­chi­schen Schei­dung auf dem Papier plötz­lich eine deut­sche Rechts­an­ge­le­gen­heit. Die KI ver­mischt Rechts­ord­nun­gen, ord­net Bestim­mun­gen falsch zu oder lie­fert Gerichts­ent­schei­dun­gen, die es so gar nicht gibt.

„Die Ant­wor­ten klin­gen oft so über­zeu­gend, dass man gar nicht auf die Idee kommt, dar­an zu zwei­feln“, erklärt Rechts­an­walt Mag. Micha­el Rai­ner.

Und schon bekommt der Satz „Das hat mir ChatGPT aber anders erklärt“ im Bera­tungs­ge­spräch eine völ­lig neue Bedeu­tung.

Ein klei­nes Wort, eine gro­ße Rech­nung

Bei einer Schei­dung geht es bekannt­lich nicht nur dar­um, wer künf­tig die Kaf­fee­ma­schi­ne bekommt oder wer die gemein­sa­men Urlaubs­fo­tos behal­ten darf. Immo­bi­li­en, Kre­di­te, Erspar­nis­se und vor allem Unter­halts­an­sprü­che kön­nen lang­fris­ti­ge finan­zi­el­le Fol­gen haben.

Beson­ders beim Ehe­gat­ten­un­ter­halt ist Vor­sicht gebo­ten. Ein ver­meint­lich harm­lo­ser Satz kann dar­über ent­schei­den, ob jemand auch Jah­re spä­ter noch Ansprü­che gel­tend machen kann.

„Gera­de beim Unter­halts­ver­zicht kann ein ein­zi­ges Wort einen gewal­ti­gen Unter­schied machen. Da reicht es nicht, einen juris­tisch klin­gen­den Satz aus ChatGPT zu über­neh­men“, warnt Tonitz.

Oder anders gesagt: Wer bei der Hoch­zeit „Ja“ sagt, soll­te beim Schei­dungs­ver­gleich bes­ser nicht blind auf „Gene­rie­ren“ kli­cken.

Beim Unter­halt ver­steht die KI nicht immer alles

Auch bei der Berech­nung des Kin­des­un­ter­halts kann es kom­pli­ziert wer­den. Beson­ders dann, wenn Selbst­stän­di­ge oder Geschäfts­füh­rer einer GmbH betei­ligt sind.

Denn das monat­li­che Gehalt ist nicht immer die ein­zi­ge rele­van­te Ein­kom­mens­quel­le. Gewinn­aus­schüt­tun­gen, Sach­be­zü­ge, Pri­vat­ent­nah­men und unter bestimm­ten Vor­aus­set­zun­gen auch im Unter­neh­men belas­se­ne Gewin­ne kön­nen eine Rol­le spie­len.

„Wer nur sein Geschäfts­füh­rer­ge­halt ein­gibt, bekommt mög­li­cher­wei­se eine Berech­nung, bei der wesent­li­che Ein­künf­te feh­len. Wir müs­sen uns die tat­säch­li­chen wirt­schaft­li­chen Ver­hält­nis­se anse­hen und die ent­spre­chen­den Unter­la­gen prü­fen“, erläu­tert Rai­ner.

Die KI rech­net eben mit den Infor­ma­tio­nen, die sie bekommt. Ob die­se voll­stän­dig sind und recht­lich rich­tig ein­ge­ord­net wer­den, steht auf einem ande­ren Blatt.

Die KI kennt Para­gra­fen, aber kei­ne Ehe­kri­sen

Die bei­den erfah­re­nen Kla­gen­fur­ter Juris­ten ver­teu­feln künst­li­che Intel­li­genz kei­nes­wegs. Im Gegen­teil: Zur ers­ten Ori­en­tie­rung, zum Sam­meln von Fra­gen oder zur Vor­be­rei­tung eines Bera­tungs­ge­sprächs kann ChatGPT durch­aus hilf­reich sein.

Doch ein Schei­dungs­ver­fah­ren besteht eben nicht nur aus Para­gra­fen. Es braucht Ver­hand­lungs­ge­schick, Erfah­rung und eine Stra­te­gie, die zur jewei­li­gen Lebens­si­tua­ti­on passt.

„Wir müs­sen wis­sen, wann ein Ver­gleich sinn­voll ist und wann nicht. Wir ver­han­deln, ent­wi­ckeln eine Stra­te­gie und beglei­ten unse­re Man­dant auch durch ein Gerichts­ver­fah­ren. Das nimmt uns kei­ne KI ab“, betont Rai­ner.

Außer­dem kann die künst­li­che Intel­li­genz zwar einen Ehe­ver­trag in Sekun­den­schnel­le ver­fas­sen, aber kaum beur­tei­len, ob eine vor­ge­schla­ge­ne Rege­lung für bei­de Sei­ten auch lang­fris­tig ver­nünf­tig ist.

Lie­ber den Anwalt fra­gen, bevor der Ex sich freut

Die Bot­schaft der bei­den Rechts­an­wäl­te ist klar: Wer ChatGPT für einen ers­ten Ent­wurf nutzt, soll­te das Ergeb­nis kei­nes­falls unge­prüft unter­schrei­ben. Eine anwalt­li­che Kon­trol­le kann ver­hin­dern, dass aus einer ver­meint­lich güns­ti­gen Lösung ein jah­re­lan­ger und kost­spie­li­ger Rechts­streit wird.

Denn eines zeigt der 18-sei­ti­ge Schei­dungs­ver­gleich aus Kla­gen­furt ein­drucks­voll: Nicht alles, was juris­tisch klingt, ist auch juris­tisch rich­tig.

Und wäh­rend ChatGPT bei einer Schei­dung viel­leicht kos­ten­los mit­re­den kann, könn­te am Ende aus­ge­rech­net der Ex-Part­ner am meis­ten von sei­nen Feh­lern pro­fi­tie­ren.

Die Moral von der Geschich­te? Künst­li­che Intel­li­genz kann vie­les. Aber wer sich schon von sei­nem Ehe­part­ner trennt, soll­te sich nicht auch noch von sei­ner finan­zi­el­len Sicher­heit ver­ab­schie­den.

28.10.2026 16:45
Anzeige
Lie­be weg, Geld weg: Wenn ChatGPT die Schei­dung regeltScheidung per Mausklick? ChatGPT erstellt zwar in Sekunden einen Scheidungsvergleich, doch fehlerhafte Formulierungen können am Ende Tausende Euro kosten. Kärntner Rechtsanwälte warnen vor teuren KI-Fallen.

© Klick Symbolbild