Vernissage

Der Schock führt zu kei­nem Ver­har­ren

Aktuell, aufwühlend und voller Hoffnung: „KLiCK Kärnten“ war bei der Vernissage der Ausstellung „schock - šok - shock“ des Kunstvereins Art13 in Völkermarkt zu Besuch.

Der Schock führt zu kei­nem Ver­har­ren Hans Enzesfellner präsentiert ein Bild mit einer Darstellung von Hermann Nitsch und bezieht sich in einem zweiten Werk auf den Ukraine-Krieg.

© KLiCK Kärnten/Grayer

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Am Weg zur Aus­stel­lung “schock — šok — shock” des Kunst­ver­eins Art13 in der Völ­ker­mark­ter Turm­ga­le­rie ist schon viel los. Zwei Besu­cher unter­hal­ten sich am Ein­gang über die Abbil­dung von Rea­li­tät: Lau­fen wir nicht Gefahr, die Hoff­nungs­lo­sig­keit zu ver­dop­peln? Zwei ande­re ste­hen mit ver­schränk­ten Armen vor einem Bild, das Her­mann Nit­sch zeigt. Ande­re wie­der­um steu­ern gleich den Aus­stel­lungs­raum an oder ent­schei­den sich zuvor für ein Gespräch bei einem Glas Wein. Und dann beginnt der Mode­ra­tor Rai­mund Grilc zu spre­chen und Klang­künst­ler Klaus Lip­pitsch nimmt Platz. „Wir wer­den den Abend so gestal­ten, indem jeder Künst­ler zu sei­nen Bil­dern hin­kommt und wir wer­den uns mit ihm unter­hal­ten“. Denn: Alles Wesent­li­che kommt von den Künst­lern selbst.

Viel­fäl­ti­ger Aus­druck von Schock

Bei dem Wort denkt man an vie­les und unter­schied­li­ches. Und so ist es auch bei den Wer­ken vor Ort. „Der Schock ist eine tief­grei­fend ver­än­dern­de Erschüt­te­rung“, lässt Grilc wis­sen. Das in der Gale­rie dar­ge­stell­te „Viel“ von „Schock“ ist Aus­druck der unter­schied­li­chen Zugän­ge der jewei­li­gen Künst­ler. Die­ses „Viel“ wird jedoch mit einem Grund­ver­ständ­nis von Pes­si­mis­mus und Nega­ti­vi­tät zusam­men­ge­hal­ten, „Schock“ ist nega­tiv behaf­tet: Es ist ein Schlag und Stoß.

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© Art13

San­der: „Schock ist all­ge­gen­wär­tig“

Die Vor­sit­zen­de von Art13 hat zum The­ma „Schock“ inter­es­san­te Din­ge aus­ge­wählt, dazu gehö­ren die Künst­li­che Intel­li­genz, Binär­codes, Gewalt gegen Frau­en, Pan­de­mie und Krieg. Für Her­lin­de San­der sind The­men, die scho­ckie­ren, all­ge­gen­wär­tig. „Bei einem Schock kann sich aber alles wie­der zum Guten wen­den: Der Mensch braucht immer — um aus der Kom­fort­zo­ne zu kom­men — einen Stoß. Um sich auch wirk­lich die­sen The­men zu wid­men und Ver­än­de­run­gen zu erzie­len, auch aktiv zu wer­den, glau­be ich, braucht man oft ein Schock­erleb­nis“, gibt San­der einen Ein­blick in ihren Zugang. Sie ist davon über­zeugt, dass alle The­men uns alle beschäf­ti­gen.

Enzers­fell­ner: „Angst und Blut stim­men über­ein“

Lässt man sei­nen Blick durch den Raum schwei­fen, so sticht ein Bild mit Her­mann Nit­sch her­vor. Es stammt von Hans Enzers­fell­ner, das sich neben einem Bild mit zwei ukrai­ni­schen Tän­ze­rin­nen befin­det, deren Kör­per­span­nung und Syn­chro­ni­zi­tät an den Betrach­ter wei­ter­ge­ge­ben wer­den. „Angst, Blut, Gewalt stim­men bei den Bil­dern über­ein“, sagt Enzels­fell­ner und weist auf sei­ne bei­den Wer­ke hin. Bei den Tän­zerin­nern wird er ernst. „In die­sem Sin­ne kann man es nicht sport­lich betrach­ten, weil man nicht weiß, wie lan­ge das Gan­ze geht. Das muss man offen sagen“. Gera­de­zu unauf­fäl­lig — weil viel­leicht so all­täg­lich — zeigt am Buf­fet eine Blei­stift­zeich­nung ein weib­li­ches Gesicht. „Die Figur hält sich ihren Kopf, genau pas­send zum Schock, zur Angst und Gewalt“. Mit Schock geht eine bestimm­te Ges­tik ein­her.

Wede­nig: Gewand des Scho­ckie­ren­den ent­fer­nen

Theo­dor Wede­nig hat einen unheim­lich anmu­ten­den Robo­ter geschaf­fen, es könn­te auch das Inne­re eines Com­pu­ters sein. „Stel­len Sie sich ein­mal vor, das Gan­ze wäre in einer schö­nen Hül­le ver­packt“, appel­liert Grilc an die Publi­kums­rei­he, an deren Stir­nen dezent der Schweiß zu sehen ist; die Hit­ze frisst sich auch durch die dicken Wän­de des Turms. „Und dann fällt die Hül­le weg und wir sehen im Inne­ren alle mög­li­chen Din­ge, die viel­leicht tat­säch­lich scho­ckie­ren“. Wenn die Hül­le weg­ge­fal­len ist, sei der Schock umso grö­ßer, was sich dahin­ter ver­birgt.

Dro­besch: „Schock kommt ohne Vor­war­nung“

Ihre Wer­ke fal­len durch die farb­li­che Kom­po­si­ti­on auf, sie strah­len regel­recht auf den Betrach­ter ein: das Feu­ri­ge steht für das Leben, das Schwar­ze davor für den Schock. „Die Far­ben sym­bo­li­sie­ren für mich das Leben, das jeder hat, mit all sei­nen Höhen und Tie­fen, Emo­tio­nen und Erfah­run­gen. Und natür­lich auch, wenn der Schock über einen kommt. Und der kommt ohne Vor­war­nung, ohne Mit­ge­fühl, der über­fließt einen, er springt an und macht macht­los, stumm und gelähmt“. Für Mar­ti­na Dro­besch ist es wich­tig, dass die bun­ten Far­ben auch dablei­ben, das Leben dableibt und wir aus jeder schwie­ri­gen Erfah­rung und jedem Schock­zu­stand wie­der her­aus­stei­gen kön­nen: So öff­nen sich neue Türen und wir tre­ten gestärkt her­vor.

Wandl: „Men­schen sehen lie­ber das Schö­ne“

In der Turm­ga­le­rie befin­det sich eine kopf­lo­ser Mensch, der Wer­ke betrach­tet und gleich­zei­tig schwe­re Zei­ten an sei­nem Kör­per trägt: Gier, Macht, Täter Opfer und Schock. Die­se Instal­la­ti­on geht auf Gita Wandl zurück. Ihre Bil­der haben zwei Ebe­nen, eine schö­ne und eine in rea­lis­tisch, scho­ckie­rend und trau­rig gehal­te­nen Aspek­ten. „Ich habe ihm Rah­men der Instal­la­ti­on vier The­men auf­ge­grif­fen, die uns sehr beschäf­ti­gen — Umwelt­ver­schmut­zung, Kli­ma, Krieg sowie Ver­un­rei­ni­gung der Gewäs­ser — und den Men­schen als Betrach­ter die­ser dar­ge­stellt.“ Die Men­schen wür­den das Scho­ckie­ren­de zwar sehen, ande­rer­seits schau­en sie aber weg, weil sie auf nichts ver­zich­ten wol­len. Wandl dia­gnos­ti­ziert eine Dif­fe­renz und bringt die­sen mit ihrer Instal­la­ti­on auf den Punkt: Zwi­schen jener Sicht­wei­se, die wir aus den Medi­en hören, und der­je­ni­gen, die die Men­schen lie­ber sehen möch­ten. Dadurch ent­steht eine Dis­kre­panz. Der Mensch bleibt als Täter und Opfer übrig.

Wer­nig: „In die Tie­fen des Inne­ren gehen“

Ver­glei­chen die Besu­cher Hele­ne Wer­nigs Wer­ke mit jenen der ande­ren Künst­ler, so fal­len die­se mit ihren porö­sen Struk­tu­ren und Rost­spu­ren auf, dadurch erge­ben sich Leben­dig­keit und Alter. Doch auch Skulp­tu­ren aus Kera­mik prä­sen­tiert Wer­nig. „Mei­ne Kera­mik ist mit Rost über­zo­gen, darf dann eine Wei­le oxi­die­ren und dann been­de ich die Oxi­da­ti­on wie­der“. Inhalt­lich ins Auge sticht ihre Auf­fas­sung von Schock: Sie ist bei ihr kei­ne plötz­li­che Situa­ti­on, son­dern etwas, was über län­ge­re Zeit im Men­schen nach­hallt. Aus­ge­hend von Din­gen, die pas­siert sind, gibt es immer wie­der ein Den­ken an die­se Situa­tio­nen und dar­aus resul­tie­rend per­sön­li­che Gefüh­le. „Was mir wich­tig war, ist, wenn ich einen Schock erlebt habe, tief in das Inne­re zu gehen und sich zu fra­gen, was brau­che ich in die­sem Moment, dass ich Kraft bekom­me, an wen kann ich mich wen­den — uns so kann ich wei­ter­ma­chen“. Es gebe ver­schie­de­ne Mög­lich­kei­ten, zu neu­er Kraft zu fin­den und wohl das Wich­tigs­te: Jeder hat die Res­sour­cen.

Schöf­mann: „Die geschun­de­ne Natur“

Zu dem The­ma „Schock“ gibt es natür­lich vie­le Zugän­ge. Einen davon bringt Mari­an­ne Schöf­mann den Besu­chern nahe. „Es geht um den bren­nen­den Schmerz und den Schock unter dem The­ma ‘Das Was­ser kann das Feu­er des bren­nen­den Schmer­zes nicht löschen’“. Die­se Situa­tio­nen sind Teil des Lebens, die man auch bewäl­ti­gen muss. Ein ande­res wie­der­um spannt den Bogen zu den Momen­ten, in denen alles zer­bricht. „Eben der Schock: Wenn alles zer­bricht und das gan­ze Leben in Scher­ben liegt“. Bei Schöf­mann gibt es ein drit­tes Werk, das alle The­men zusam­men­fasst und ein­dring­lich wie­der­holt: „Ich habe es ‚Geschun­de­ne Natur‘ genannt, eben die Ver­let­zung der Erde und die Aus­beu­tung“.

Roschanz: „Man kann es schaf­fen“

Ingrid Roschanz zeigt mar­kan­te Wer­ke, die zwei The­men auf­grei­fen, wel­che eben­falls im Sprach­ge­brauch ein­deu­tig auf schwie­ri­ge Situa­tio­nen hin­wei­sen. „Ich habe ver­sucht, es auf eine psy­chi­sche Art dar­zu­stel­len, also was sich dabei tut, wenn man den Halt unter den Füßen ver­liert. Es kommt einem vor, man ver­sin­ke in einem schwar­zen Loch. Man sucht zwar den Halt, aber man fin­det kei­nen“. Das zwei­te Bild von Roschanz trägt den über­wäl­ti­gen­den Titel „Gewalt sehen“ und wid­met sich dem immer kür­zer wer­den­den Weg zur Gewalt, die ins­be­son­de­re Frau­en betref­fen. „Man möch­te schrei­en, aber es kommt kein Laut von den Lip­pen. Auf­ste­hen und sich nicht unter­krie­gen zu las­sen ist schwer, aber man kann es ler­nen und schaf­fen“.

Wider dem Pes­si­mis­mus

Doch Pes­si­mis­mus zu ver­brei­ten, ist der Kunst fremd. In der Turm­ga­le­rie wird der Schmerz nach Betrach­ten der Bil­der abge­legt. Und Hoff­nung mit­ge­nom­men. „Am Ende soll­ten wir nicht in Schock­star­re ver­har­ren und scho­ckiert hin­aus­ge­hen, son­dern ganz im Gegen­teil, einen Schock muss man auch über­win­den“, gibt Grilc die Hoff­nung an die Besu­cher wei­ter. Wäh­rend des Abends tra­ten Men­schen mit­ein­an­der in Gesprä­che, damit hell­ten sich die Stim­mun­gen merk­lich auf, die zuvor durch die Wer­ke und ihre Ein­drü­cke leicht gedämpft wur­den. Dazu pass­te auch die wun­der­ba­re Musik von Klaus Lip­pitsch.

Einen Schock zu über­win­den — eine Lebens­er­fah­rung, die einem aus schwie­ri­gen Situa­tio­nen wei­ter­brin­gen kann. Auch die Aus­stel­lung bringt noch bis zum 11. August 2023 Men­schen wei­ter.

23.07.2023 10:00 - Update am: 23.07.2024 20:54
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