Kommentar
Grabmal oder Denkmal für den Gauleiter Friedrich Rainer?
Der Rechtsruck bedroht die demokratische Gesellschaft auch in Österreich.
© KK
Große Katastrophen sind die Folge einer Unzahl kleiner moralischer und politischer Entgleisungen, die einzeln betrachtet harmlos erscheinen, in Summe aber Sprengstoff für eine demokratischen Gesellschaft sein können. Das wissen alle und damit hat es sich. Unser Toleranzbewusstsein dehnt sich aus. Es schließt wohl schon auch die Intoleranten ein. Das nenne ich fatale Größe in einem Prozess halbbewusster Selbstaufgabe.
Höchstwahrscheinlich liegt der Gauleiter Friedrich Rainer nicht am Annabichler Friedhof. Nicht im Familiengrab. Aber sein Name und seine Lebensdaten sind dort verewigt. Damit wird aus der Grabstätte ein Denkmal. Und ein Zitat aus der Rede Hitlers anlässlich des Parteitags der NSDAP in Nürnberg 1933 hat dort in Stein gemeißelt die Zeit überdauert: „Nur aus Vergangenem und Gegenwärtigem zugleich baut sich die Zukunft auf.“ Klingt harmlos, ist es aber nicht. Gleichgesinnte der älteren und neueren Generationen erkennen sich augenzwinkernd über diese erhalten gebliebenen Phrasen aus dem Sud einer politischen Fehlentwicklung wieder und rücken zusammen. In erdigem Pathos wird eine toxische Schwurbelideologie befeuert: „Denn ich glaube immer noch, dass der Grundsatz gilt, dass das Recht der Politik zu folgen hat und nicht die Politik dem Recht.“ (Copyright by Herbert Kickl, nicht zu verwechseln mit Charlie Chaplins großen Diktator Anton Hynkel).
Eine Partei biegt sich das Recht zurecht und stellt die Menschenrechtskonvention in Frage. Mögen auch halbherzige Entgegnungen nachfolgen, die Botschaft sitzt und geht den Unverbesserlichen durch altdeutschgestimmtes Mark und Germanen-Bein. Alle anderen halten still.
Zwei meiner Gedichte, die in meinem Buch „Einsichten mit Aussichten“ (Hermagoras, 2019) erschienen sind, beginnen wie folgt: Verrücktes Kärnten: Wohin drückst du dich Kärnten?/Denk doch zurück./Wir waren schon rechts – /Bist du wieder verrückt? Dumpfschweiger: Über den Biertheken schwebt er meist,/die da stehen, haben ihn sitzen./Der Altvorderen hintergründiger Geist/Bringt den Rechten genussvoll zum Schwitzen.
Biertische sind längst zum politischen Klischee geworden. Wenn wir nicht aufpassen, werden sie neugestylt im Parlament wieder aufgestellt, bevor es abgeschafft wird.
Es beginnt unscheinbar und endet ungeheurlich
Warum sollte man sich nach wie vor mit der Vergangenheit beschäftigen und über sie nachdenken? Eine Frage, die mittlerweile schon Seltenheitswert hat. Wir sind keine Eintagsfliegen der Geschichte. Unsere Wurzeln liegen in der Vergangenheit, sie bestimmen die Gegenwart mit und beeinflussen den Blick in die Zukunft. Wer das übergeht, weiß nicht was und warum er hier und jetzt etwas tut. Er wird so zum Spielball jener, die genau wissen, was sie gegen uns und für sich tun können.
Oder, anders gesagt, mit den Worten Alexander Solschenizyns: „An der Vergangenheit rühren – ein Auge verlieren. Vergangenes vergessen, beide Augen verlieren.“
Fakenews bestimmen zusehends die Meinungsbildung. Sie benötigen keinen Wahrheitsgehalt als Grundlage. Sie sind frei erfunden und brauchen keinen Bezug zur Vergangenheit. Sie sind den Wünschen ihrer Schöpfer geschuldet. Fakten und daraus ableitbare sowie nachvollziehbare Schlüsse, werden nicht benötigt. Notwendig aber ist die kollektive Erinnerung allemal. Sie bedeutet, vereinfacht gesagt, dem Meinungsgeschwurbel überprüfbare Fakten entgegenzusetzen. Ich meine, wer schreibt sollte sich immer die Frage nach dem Warum stellen und welche Rolle er/sie in der Gemeinschaft mit ihren künstlerischen Aktionen spielen. Was ist erhaltenswert?
Schrift und Sprache müssen bewegen, in Bewegung bringen und auf aktuelle Entwicklungen der Meinungsbildung kritisch reagieren. Vielleicht auch korrigieren. Das sind bekannte Einsichten, die nicht unbedingt in eine Breitenwirkung übergegangen sind. Sie sollten es.
Jürgen Habermas schreibt in seinem Buch Ein neuer Strukturwandel der Öffentlichkeit und die deliberative Politik: Das Behaupten wird zur Recherche, die Reklame gibt sich als Argument aus und das Geschrei als Urteil. Wo ist das Belegbare, wo der Realitätsbezug? Wo ist das Hinterfragen der Erscheinungen.
Ein paar Fakten zu meinem Thema: Kärnten hat einige namhafte Vertreter der Nazi-Oberschicht im Dritten Reich hervorgebracht. Sie erfahren nach wie vor in gewissen Kreisen eine bewundernde Beachtung, oder zumindest gleichgültiges Abstandnehmen. Man kann auch diskrete Verklärung dazu sagen.
Meine Glosse „Grabmal oder Denkmal“ erweitere ich daher mit ein paar Details zu Nazi-Größen aus Kärnten, denn wir bemerken (auch) in Österreich wieder einen Rechtsruck. Er ist aufhaltbar. Den Blick auf die AfD ersparen wir uns an dieser Stelle.
Friedrich Rainer, dessen Familiengrab sich am Friedhof Annabichl befindet, war ab 1941 Gauleiter von Kärnten. 2024 wurde auf Anordnung der Staatsanwaltschaft die Elhaz-Rune (Lebensborn, Geburts- und Sterbesymbol) an seinem Grabstein überklebt.
Odilo Globocnik: Schützling Heinrich Himmlers und SS-Obergruppenführer, Gauleiter von Wien, erwarb sich als NS-Finanzjongleur auch unter seinen Kameraden einen zweifelhaften Ruf und wurde 1939 von oberster Stelle abgelöst, da er sich nicht der Finanzhoheit der Münchner NS-Behörden unterordnete. In seinem 2018 erschienene Roman „Lass dich heimgeigen, Vater oder: Den Tod ins Herz mir schreibe“, setzt uns Josef Winkler in Kenntnis: Globocnik sei in einem Acker, der zum Familienbesitz gehöre, verscharrt worden.
Otto Scrinzi: Er war 1940 Assistent am Institut für Erb- und Rassenbiologie an der Universität Innsbruck und galt als logischer Nachfolger des KZ-Arztes Josef Mengele. 1986 trat er bei der Wahl zum Bundespräsidenten an. Gewonnen hat damals Kurt Waldheim. – Aber das ist eine andere Geschichte zum gleichen Thema.
Hans Steinacher „soll ein Denkmal ausschließlich wegen seiner Verdienste um Abwehrkampf und Volksabstimmung bekommen.“, schrieb Andreas Mölzer in der Kleinen Zeitung. Hans Steinacher, Oberstleutnant der Deutschen Wehrmacht und Festungskommandant der norwegischen Stadt Kirkenes, wäre in der Nachkriegszeit beinahe Kärntner Landeshauptmann geworden. Er sah seine Rolle im Kärntner Abwehrkampf und im Zusammenhang mit der Volksabstimmung wie folgt: Steinacher sagte: „Es war mir stets eine unumstößliche Selbstverständlichkeit den Abstimmungskampf nicht um den Anschluss an Österreich, sondern um die großdeutsche Zukunft zu führen.“ Und ein weiteres Zitat: „… so erhebe ich damit den Anspruch, dem Führer gut gedient zu haben.“ Verschiedene Male wurde versucht, ein Steinacher Denkmal zu errichten. Zum Glück ohne Erfolg.
Switbert Lobisser: Der Kärntner Künstler, geboren in Tiffen, machte in der NS-Zeit mit seinen volkstümlichen Holzschnitten eine beachtliche Karriere und wurde zum Inbegriff des volksnahen deutschen Künstlers. 1934 erhält Adolf Hitler von einer Delegation Kärntner Illegaler eine Mappe mit 15 seiner Holzschnitte. Die NS-Elite kauft seine Blätter. Eine antiurbane, naturverbundene Idylle, in deren Mittelpunkt die deutsche Frau und Mutter steht, prägt sein Werk. Er wird zum Illustrator der Blut- und Bodenideologie und macht sich zum künstlerischen Bollwerk gegen die propagierten Feindbilder des deutschen Volkes, wie Kapital, Juden und Industrialisierung. In meinem Buch „Lobisser.vergessen“ (erschienen 2016 im Löcker-Verlag) versuchte ich dieser volkstümlichen Verquickung von Politik, Brauchtum und Kunst näher zu kommen. Viele Fragen blieben offen.
Eine Reihe von Historikern haben profunde Analysen über die NS-Zeit in Kärnten erarbeitet und die Erkenntnisse zwischen Buchdeckel gepresst. Nachvollzogen werden sollten sie mehr denn je in allen möglichen Öffentlichkeiten, quer durch alle Gesellschaftsschichten und Altersgruppen. – Augen zu und durch, geht nicht.


