Fahrplan

Zwi­schen Wahl und Regie­rung steht die Ver­fas­sung

Es ist nur gängige Praxis, dass der Vorsitzende der stimmenstärksten Partei den Regierungsbildungsauftrag erhält. In dieser Entscheidung ist das Staatsoberhaupt völlig frei.

Zwi­schen Wahl und Regie­rung steht die Ver­fas­sungDie Freiheitlichen sehen sich mit einem Wählerauftrag angesprochen - die Verfassung steht da klar dagegen: In der Verfassung ist nirgends zu lesen, dass die stimmenstärkste Partei den Regierungsauftrag bekommt.

© Ideen für Völkermarkt

"KLICK Kärnten" auf Google als bevorzugte Nachrichtenquelle festlegen
Anzeige

Vor einer Woche hat Öster­reich einen neu­en Natio­nal­rat gewählt: Wäh­rend die ÖVP laut dem Bun­des­mi­nis­te­ri­um für Inne­res mit 26,3 Pro­zent auf Platz zwei und die SPÖ mit 21,1 Pro­zent auf Platz drei lan­de­te, erreich­te die FPÖ erst­mals in der Geschich­te der Zwei­ten Repu­blik den ers­ten Platz (28,8 Pro­zent). Die Grü­nen erhiel­ten 8,2 Pro­zent und die Neos 9,1 Pro­zent. Vor die­sem Hin­ter­grund beginnt nun die Pha­se der Regie­rungs­bil­dung — dabei kommt dem Bun­des­prä­si­den­ten laut Ver­fas­sung eine gewich­ti­ge Rol­le zu: Denn Alex­an­der Van der Bel­len ist der­je­ni­ge, der am Ende Bun­des­kanz­ler und auf den Vor­schlag des Bun­des­kanz­lers die übri­gen Mit­glie­der der Bun­des­re­gie­rung ernennt. Und zwi­schen Wahl­tag und Regie­rungs­bil­dung und ihrer offi­zi­el­len Ernen­nung kann viel Zeit in Anspruch neh­men.

Fort­füh­rung der Ver­wal­tung

Die­se Woche hat die Bun­des­re­gie­rung rund um Bun­des­kanz­ler Karl Neham­mer dem Bun­des­prä­si­den­ten den Rück­tritt ange­bo­ten. “Sie haben mir im Bei­sein des Vize­kanz­lers mit­ge­teilt, dass der Minis­ter­rat die Rück­tritt der Bun­des­re­gie­rung beschlos­sen hat. Ich neh­me das zur Kennt­nis und ent­he­be hier­mit die Bun­des­re­gie­rung sowie die Staats­se­kre­tä­re auf deren Wunsch vom Amte”, erklär­te Van der Bel­len am Mitt­woch. Dar­auf­hin hat der Prä­si­dent sie mit der Fort­füh­rung der Ver­wal­tung betraut: “Gleich­zei­tig betraue ich sämt­li­che Mit­glie­der der schei­den­den Bun­des­re­gie­rung bis zur Bil­dung einer neu­en Bun­des­re­gie­rung mit der Fort­füh­rung der Ver­wal­tung und den Bun­des­kanz­ler mit dem Vor­sitz in der einst­wei­li­gen Bun­des­re­gie­rung.”

Die “einst­wei­li­ge Bun­des­re­gie­rung” stellt sicher, dass die Ver­wal­tung bis zur Ange­lo­bung einer neu­en Bun­des­re­gie­rung fort­ge­führt wird.

Anzei­ge
Am Mitt­woch (2. Okto­ber 2024) bot die Bun­des­re­gie­rung dem Bun­des­prä­si­den­ten den Rück­tritt an. Dar­auf­hin wur­de die Bun­des­re­gie­rung mit der Fort­füh­rung der Ver­wal­tung betraut.
© Prä­si­dent­schafts­kanz­lei

Nach die­sem Rück­tritt und aber­ma­li­ge Betrau­ung führt der Bun­des­prä­si­dent in einem ers­ten Schritt zu einer neu­en Regie­rung mit allen — auf Grund­la­ge der Rei­hung, die sich durch das Ergeb­nis der Natio­nal­rats­wahl ergab — Par­la­ments­par­tei­en Gesprä­che: FPÖ, ÖVP, SPÖ, NEOS und die Grü­nen. Dabei wer­de Van der Bel­len aus­lo­ten, wel­che trag­fä­hi­gen Kom­pro­mis­se es geben könn­te: Wer mit wem kann und wer was will, das wird die nächs­te Zeit zei­gen.

Im ver­fas­sungs­recht­li­chen Rah­men

Wohl­ge­merkt ent­hält die Bun­des­ver­fas­sung (B‑VG) nur weni­ge Bestim­mun­gen zur Bil­dung einer Bun­des­re­gie­rung — viel­mehr fußen die Zwi­schen­schrit­te zur Ange­lo­bung auf geleb­ter Pra­xis. Die­se Pra­xis betrifft sowohl die erwähn­te Betrau­ung mit der Fort­füh­rung der Ver­wal­tung, als auch die Beauf­tra­gung zur Regie­rungs­bil­dung durch den Bun­des­prä­si­den­ten.

Der Bun­des­kanz­ler und auf sei­nen Vor­schlag die übri­gen Mit­glie­der der Bun­des­re­gie­rung wer­den vom Bun­des­prä­si­den­ten ernannt.

Arti­kel 70 Abs. 1 B‑VG

Nicht in der Ver­fas­sung fest­ge­legt, viel­mehr geleb­te Pra­xis ist, dass der Bun­des­prä­si­dent einen Auf­trag zur Regie­rungs­bil­dung erteilt — und wem er den Auf­trag schließ­lich erteilt, ist auch nicht ver­fas­sungs­recht­lich grund­ge­legt. Es ist nur gän­gi­ge Pra­xis, dass der Vor­sit­zen­de der stim­men­stärks­ten Par­tei den Regie­rungs­bil­dungs­auf­trag erhält. In die­ser Ent­schei­dung ist das Staats­ober­haupt völ­lig frei. Die­se ver­fas­sungs­recht­li­che Tat­sa­che betrifft eben­falls die Ernen­nung der Mit­glie­der der Bun­des­re­gie­rung. Theo­re­tisch könn­te Van der Bel­len auch einem öster­rei­chi­schen Staats­bür­ger (er muss ledig­lich zum Natio­nal­rat wähl­bar sein) mit der Regie­rungs­bil­dung beauf­tra­gen und das Ergeb­nis igno­rie­ren. Ver­fas­sungs­recht­lich ist nur fest­ge­hal­ten, dass der Prä­si­dent den Kanz­ler bestellt und die­ser wie­der­um die Minis­ter vor­schlägt — der Prä­si­dent ernennt sie schließ­lich.

Mehr­heit im Par­la­ment

Und das B‑VG ent­hält auch kei­ne Vor­ga­ben, wie die Regie­rungs­bil­dung an sich statt­zu­fin­den hat. So kön­nen die im Natio­nal­rat ver­tre­te­nen Par­tei­en von selbst in Son­die­rungs­ge­sprä­chen und/oder Koali­ti­ons­ver­hand­lun­gen tre­ten — es braucht kei­nen Auf­trag, da die­ser Schritt ledig­lich geleb­te Tra­di­ti­on ist. “Eine Regie­rungs­bil­dung kann man mit einem Hoch­sprung ver­glei­chen: Die Lat­te liegt bei 50 Pro­zent Man­dats­mehr­heit im Par­la­ment. Nur wer es schafft, genü­gend Unter­stüt­zung zu bekom­men, um da drü­ber zu kom­men, kann regie­ren. Und wer es aus eige­ner Kraft nicht schafft, also allei­ne nicht über 50 Pro­zent der gül­ti­gen Stim­men für die eige­ne Par­tei bekommt, muss nun ande­re über­zeu­gen: poten­zi­el­le ande­re Regie­rungs­part­ner Part­ner genau­so wie den Bun­des­prä­si­den­ten”, hält Van der Bel­len ein­deu­tig fest.

Anzei­ge
“Die­se Ernen­nun­gen set­zen ein gewis­ses Ver­trau­en in die han­deln­den Per­so­nen vor­aus”, erklärt Bun­des­prä­si­dent Van der Bel­len hin­sicht­lich sei­ner Auf­ga­be, Bun­des­kanz­ler und die rest­li­chen Mit­glie­der der Bun­des­re­gie­rung zu ernen­nen.
© Prä­si­dent­schafts­kanz­lei

Doch real­po­li­tisch muss der Bun­des­prä­si­dent wie die Par­tei­en auf die Mehr­heits­ver­hält­nis­se im Natio­nal­rat Acht geben: Denn besitzt eine Regie­rung kei­ne Mehr­heit im Par­la­ment, so muss die­se in stän­di­ger Sor­ge leben, mit dem Mit­teln der poli­ti­schen Kon­trol­le (ein Miss­trau­ens­vo­tum, wofür eine ein­fa­che Mehr­heit im Natio­nal­rat aus­reicht) abge­setzt zu wer­den — und die Fol­ge wären Neu­wah­len und damit unsta­bi­le Ver­hält­nis­se. Dar­an kann kei­ner Inter­es­se haben.

Libe­ral-demo­kra­ti­scher Maß­stab

Auf der ande­ren Sei­te benö­tigt eine Regie­rung stets das Ver­trau­en des Bun­des­prä­si­den­ten, da er nach Arti­kel 70 Abs. 1 B‑VG zur “Ent­las­sung des Bun­des­kanz­lers oder der gesam­ten Bun­des­re­gie­rung” befä­higt ist. Und die Ver­trau­ens­maß­stab ist für Van der Bel­len klar: “Ich wer­de nach bes­tem Wis­sen und Gewis­sen dar­auf ach­ten, dass bei der Regie­rungs­bil­dung die Grund­pfei­ler unse­rer libe­ra­len Demo­kra­tie respek­tiert wer­den, etwa Rechts­staat, Gewal­ten­tei­lung, Men­schen- und Min­der­hei­ten­rech­te, unab­hän­gi­ge Medi­en und die EU-Mit­glied­schaft.”

Anzei­ge
Sta­bi­li­tät kann es nur mit 50 Pro­zent der Man­da­te geben.
© orf.at

Vor die­sem Hin­ter­grund sehen sich die Par­tei­en in den nächs­ten Wochen mit dem Ziel kon­fron­tiert, eine mög­lichst sta­bi­le Bun­des­re­gie­rung zu bil­den, die einen auch einen Rück­halt von Bun­des­prä­si­dent und Natio­nal­rat genießt. Hin­sicht­lich des End­ergeb­nis­ses braucht es dafür zumin­dest zwei Par­tei­en, um eine Mehr­heit im Par­la­ment zu gewähr­leis­ten. Doch auch eine Koali­ti­on aus drei Par­tei­en wäre mög­lich. Auf jeden Fall ist es nicht so ein­fach mit der Regie­rungs­bil­dung wie es die FPÖ nach dem Wahl­sonn­tag aus­mal­te: dass die stim­men­stärks­te Par­tei auto­ma­tisch mit der Bil­dung einer Regie­rung beauf­tragt wer­de. Das ist schlicht falsch.

06.10.2024 14:30 - Update am: 06.10.2024 14:51
Anzeige
Zwi­schen Wahl und Regie­rung steht die Ver­fas­sungDie Freiheitlichen sehen sich mit einem Wählerauftrag angesprochen - die Verfassung steht da klar dagegen: In der Verfassung ist nirgends zu lesen, dass die stimmenstärkste Partei den Regierungsauftrag bekommt.

© Ideen für Völkermarkt