Wien

Koali­ti­on: ÖVP bricht Ver­hand­lun­gen mit der SPÖ ab

Am 96. Tag nach der Nationalratswahl platzten die Koalitionsverhandlungen zwischen ÖVP, SPÖ und Neos. Nun sind auch die Verhandlungen zwischen ÖVP und SPÖ gescheitert. Wie umgehen mit dieser Situation, die es bisher in Österreich noch nie gab?

Koali­ti­on: ÖVP bricht Ver­hand­lun­gen mit der SPÖ abAuch Andreas Babler (SPÖ) und Kanzler Karl Nehmammer (ÖVP) konnten nach dem Abgang der Neos zu zweit keine Einigung erzielen.

© APA/Helmut Fohringer

"KLICK Kärnten" auf Google als bevorzugte Nachrichtenquelle festlegen
Anzeige

Es war kurz nach 10.30 Uhr, als Neos-Che­fin Bea­te Meinl-Rei­sin­ger zur Über­ra­schung von ÖVP und SPÖ die kurz zuvor ein­be­ru­fe­ne Pres­se­kon­fe­renz ges­tern (3. Jän­ner 2025) in Angriff nahm, um den Aus­stieg ihrer Par­tei aus den Koali­ti­ons­ver­hand­lun­gen bekannt zu geben: “Es konn­te kein Durch­bruch mit Schwarz-Rot erzielt wer­den”, so Meinl-Rei­sin­ger, da der “nöti­gen Repa­ra­tur kei­ne Refor­men gegen­über­ste­hen” wür­den. Sie orte feh­len­den Reform­wil­len.

Es begann mit Sep­tem­ber 2024

Es war ein noch nie dage­we­se­nes Pro­jekt: die ers­te Drei­er­ko­ali­ti­on soll­te in Öster­reich die zukünf­ti­ge Regie­rung bil­den. Die­sem “Bau” ging bekannt­lich die Natio­nal­rats­wahl am 29. Sep­tem­ber 2024 vor­an, an der die FPÖ mit 28,8 Pro­zent sieg­te. Hin­ter ihr reih­ten sich ÖVP (26,3 Pro­zent), SPÖ (21,1 Pro­zent), Neos (9,1 Pro­zent) und Grü­ne (8,2 Pro­zent). Doch schon vor dem Wahl­abend zeich­ne­te sich ein kla­res Bild ab: Kei­ner zeig­te sich bereit, gemein­sam mit der von Her­bert Kickl geführ­ten FPÖ eine Koali­ti­on ein­zu­ge­hen. Die­ser Nicht­be­reit­schaft war sich auch Bun­des­prä­si­dent Alex­an­der Van der Bel­len bewusst, der — wie sonst üblich — unmit­tel­bar nach der Wahl kei­nen Auf­trag zur Regie­rungs­bil­dung erteil­te, und zwar an kei­ne Par­tei.

Kickl fand kei­nen Regie­rungs­part­ner

Van der Bel­len for­der­te statt­des­sen Kickl, Karl Neham­mer (ÖVP) und Andre­as Babler (SPÖ) zu Gesprä­chen unter­ein­an­der auf, um ihre Posi­tio­nen zuein­an­der abzu­klä­ren. Die­se Gesprä­che för­der­ten dann auch ein Ergeb­nis zuta­ge: FPÖ-Chef Kickl fin­det kei­nen Regie­rungs­part­ner, um eine Regie­rung zu bil­den, und daher kann auch kein Regie­rungs­bil­dungs­auf­trag an ihn erteilt wer­den. Denn es erge­be — und das ist nun wahr­lich kein Grund, “Wir sind das Volk” zu brül­len, von Wäh­ler­be­trug zu spre­chen oder gar Öster­reich als auto­kra­tisch zu beschimp­fen — kei­nen Sinn, Koali­ti­ons­ver­hand­lun­gen zu füh­ren, wenn man wis­se, dass die­se zu nichts füh­ren. Das ist in einer libe­ra­len Demo­kra­tie so, und zwar genau so. Wer ande­rer Über­zeu­gung ist, dem sei ein Blick in ein übli­ches “Ein­füh­rung in die Politikwissenschaft”-Buch emp­foh­len. Die ÖVP schloss eine Koali­ti­on mit Kickl als Kanz­ler aus, die ande­ren Par­tei­en über­haupt eine Koali­ti­on mit der FPÖ. So erging der Auf­trag an Neham­mer und somit die ÖVP.

ÖVP-Son­die­run­gen mit SPÖ, und Neos

Auf die­se unge­wöhn­li­che Situa­ti­on kam auch Meinl-Rei­sin­ger ges­tern zu spre­chen: “Der Wahl­sie­ger hat sim­pel des­we­gen den Auf­trag nicht bekom­men, weil der Vor­sit­zen­de der FPÖ es nicht geschafft hat, über die letz­ten Mona­te und Jah­re hin­weg eine Ver­trau­ens­ba­sis auf­zu­bau­en, die aber nötig ist, um in einer Demo­kra­tie zusam­men­zu­ar­bei­ten.” Aus­schließ­lich Kickl und die FPÖ sei­en dar­an geschei­tert, eine trag­fä­hi­ge Mehr­heit unter Füh­rung der FPÖ zu bau­en. Und tat­säch­lich, das hat Kickl wirk­lich zu ver­ant­wor­ten, denn er habe ja bekannt­lich erklärt, dass es eine frei­heit­li­che Regie­rungs­be­tei­li­gung nur mit ihm als Kanz­ler geben wür­de: Mit wem soll Kickl son­die­ren, wenn ihm die ande­ren Par­tei­en nicht ver­trau­en?

Damit began­nen also die Son­die­run­gen unter Füh­rung von Kanz­ler Neham­mer, der zuerst Babler ein­lud. Nach eini­gen Tagen ent­schie­den Neham­mer und Babler die Son­die­rungs­ge­sprä­che gemein­sam mit den Neos und Bea­te Meinl-Rei­sin­ger zu füh­ren. Die Son­die­run­gen waren auch erfolg­reich: Es began­nen schließ­lich die Koali­ti­ons­ver­hand­lun­gen.

Nach 96 Tagen Reiß­lei­ne gezo­gen

Am 96. Tag nach der Natio­nal­rats­wahl platz­ten aber die Koali­ti­ons­ver­hand­lun­gen zwi­schen ÖVP, SPÖ und Neos — die Neos zogen wider Erwar­ten die Reiß­lei­ne. Für Meinl-Rei­sin­ger gab es gleich sechs Punk­te, an der die ver­ächt­lich als “Zuckerl­ko­ali­ti­on” bezeich­ne­te geplan­te Koali­ti­on schei­ter­te: Bud­get, Pen­sio­nen, Par­tei­po­li­tik, Steu­ern, Föde­ra­lis­mus und Gesund­heit. Abge­se­hen von die­sen The­men began­nen nach der Pres­se­kon­fe­renz von Meinl-Rei­sin­ger wie üblich die gegen­sei­ti­gen Schuld­zu­wei­sun­gen, die Par­tei­en bil­de­ten einen Kreis: Gene­ral­se­kre­tär Chris­ti­an Sto­cker (ÖVP) sieht die SPÖ als Ver­ant­wort­li­che für das Schei­tern der Ver­hand­lun­gen. Die SPÖ meint den Grund wie­der­um bei den Neos zu sehen, die Ver­ant­wor­tung sei ihnen schlicht zu groß gewor­den. Van der Bel­len lud vor die­sem hit­zi­gen Hin­ter­grund umge­hend Neham­mer und Babler zu sich in die Wie­ner Hof­burg. Bei­de hät­ten dem Bun­des­prä­si­den­ten ver­si­chert, dass ÖVP und SPÖ wei­ter­ver­han­deln wol­len. Das Staats­ober­haupt erwar­te sich von bei­den, dass die wei­te­re Regie­rungs­bil­dung “ohne Zeit­ver­zug gesche­hen” müs­se, denn er wol­le “schnel­le und umfas­sen­de Klar­heit”, erklär­te er Frei­tag­abend.

Koali­ti­on von ÖVP und SPÖ

ÖVP und SPÖ wol­len also wei­ter­ver­han­deln — das wäre zumin­dest bis ges­tern Abend (4. Jän­ner) ein mög­li­ches Sze­na­rio gewe­sen, um eine Regie­rung zustan­de zu brin­gen. Bei­de Par­tei­en kom­men im Natio­nal­rat auf 92 der ins­ge­samt 183 Man­da­te. Jedoch ist das eine hauch­dün­ne Mehr­heit von einem Man­dat: Wenn also ein Abge­ord­ne­ter oder eine Man­da­ta­rin nicht bei der Abstim­mung anwe­send ist, dann haben die Regie­rungs­par­tei­en kei­ne Mehr­heit mehr und das zu beschlie­ßen­de Gesetz kann den Natio­nal­rat nicht pas­sie­ren. In jedem Fall müss­ten die Neos die ÖVP-SPÖ-Koali­ti­on unter­stüt­zen — was sie auch bei gewis­sen The­men, die zwi­schen den drei Par­tei­en bereits aus­ver­han­delt wur­den, oder ande­ren Sach­fra­gen machen wür­den, wie Meinl-Rei­sin­ger bei der Pres­se­kon­fe­renz deut­lich mach­te. Wie ges­tern Abend aber bekannt wur­de, konn­te zwi­schen ÖVP und SPÖ kei­ne Eini­gung erzielt wer­den.

ÖVP-SPÖ-Koali­ti­on mit Grü­nen als Part­ner

Doch auch die zwei­te Opti­on, die Grü­nen in das Regie­rungs­boot zu holen, ist seit ges­tern Abend Geschich­te. Die­se Mög­lich­keit schien sowie­so bei der ÖVP nicht gut anzu­kom­men, da Neham­mer eine Koali­ti­on mit ihnen vor­ab aus­ge­schlos­sen habe. Hin­zu­kommt die Tat­sa­che, dass die ÖVP nicht gut auf Minis­te­rin Leo­no­re Gewess­ler zu spre­chen ist: Sie stimm­te einst ent­ge­gen der ÖVP-Abma­chung für das EU-wei­te Rena­tu­rie­rungs­ge­setz. Das stieß bei der ÖVP über­haupt nicht auf Gegen­lie­be. Zudem soll Gewess­ler den Par­tei­vor­sitz von Wer­ner Kog­ler über­neh­men. In der SPÖ sah man die Situa­ti­on gänz­lich anders, da die Schnitt­men­gen mit den Grü­nen durch­aus gege­ben sind.

ÖVP koaliert mit der FPÖ

Die drit­te Vari­an­te hat Kanz­ler Neham­mer kate­go­risch aus­ge­schlos­sen, und das ist eine Koali­ti­on mit der FPÖ, sofern Kickl Par­tei­chef bleibt. Es ist dabei nicht von der Hand zu wei­sen, dass ÖVP und FPÖ die größ­ten inhalt­li­chen Über­schnei­dun­gen haben. Doch die FPÖ hält bekannt­lich vehe­ment dar­an fest, dass es eine Regie­rungs­be­tei­li­gung nur mit Kickl im Kanz­ler­ses­sel gebe. Das kommt jedoch für die ÖVP und Neham­mer kei­nes­falls infra­ge. Wür­de einer der bei­den, Kanz­ler Neham­mer oder FPÖ-Chef Kickl, intern abge­löst wer­den, sehe die Situa­ti­on selbst­ver­ständ­lich wie­der gänz­lich anders aus.

Letz­ter Aus­weg sind Neu­wah­len

Tritt das letz­te Sze­na­rio nicht ein, also schaf­fen die Par­tei­en es nicht, sich auf eine mög­li­che künf­ti­ge Zusam­men­ar­beit zu eini­gen, dann blei­ben nur noch Neu­wah­len übrig, die rea­lis­tisch gese­hen im April 2025 statt­fin­den wür­den. Neu­wah­len sind für die Par­tei­en von ÖVP und SPÖ hin­ge­gen kei­ne Opti­on, da ihnen bewusst ist, dass die FPÖ in die­sem Fall noch mehr Zuge­win­ne ver­zeich­nen wer­de und dass es dann kein Vor­bei­kom­men an der FPÖ gebe.

Das sagt die Kärnt­ner Lan­des­po­li­tik

“Ich glau­be, mit gutem Wil­len, Ver­ant­wor­tungs­be­wusst­sein und auch einem Auf­ein­an­der­zu­ge­hen wäre hier noch eini­ges mehr mög­lich gewe­sen”, meint Lan­des­haupt­mann Peter Kai­ser (SPÖ). Aus Sicht des Lan­des­haupt­mann-Stell­ver­tre­ters Mar­tin Gru­ber (ÖVP) brau­che es auf Bun­des­ebe­ne eine neue Koali­ti­on seriö­ser Ver­ant­wor­tungs­trä­ger: „Es braucht gera­de jetzt eine Koali­ti­on, die den Stand­ort stärkt, Refor­men angeht und die Wirt­schaft ent­las­tet, kei­ne neu­en Belas­tun­gen für Leis­tungs­trä­ger ein­führt.”

Ger­hard Köfer (Team Kärn­ten) sieht nun eine Koali­ti­on von FPÖ und ÖVP kom­men: “Die ein­zi­ge Regie­rungs­form, die ich noch sehe, ist Blau-Schwarz.” Für ihn sei es ein Fakt, dass Bun­des­kanz­ler Neham­mer ein Stör­fak­tor sei, aber auch der Kol­le­ge Kickl, es müs­se also per­so­nel­le Ver­än­de­run­gen bei den Par­tei­en geben, um eine Koali­ti­on auf die Bei­ne stel­len zu kön­nen. “Die ÖVP hat im Zusam­men­spiel mit Bun­des­prä­si­dent Van der Bel­len Öster­reich ins Cha­os gestürzt”, sagt schließ­lich FPÖ-Chef Erwin Ange­rer.

04.01.2025 19:30 - Update am: 04.01.2025 19:56
Anzeige
Koali­ti­on: ÖVP bricht Ver­hand­lun­gen mit der SPÖ abAuch Andreas Babler (SPÖ) und Kanzler Karl Nehmammer (ÖVP) konnten nach dem Abgang der Neos zu zweit keine Einigung erzielen.

© APA/Helmut Fohringer