Weltfrauentag

Lyrik als letz­te Instanz vor dem Schwei­gen

Zum Weltfrauentag: Tara C. Meister las bei den Tagen der deutschsprachigen Literatur, wurde zur Carinthischen-Sommer-Festivalschreiberin gekürt und gewann den 18. Kärntner Lyrikpreis der Stadtwerke Klagenfurt.

Lyrik als letz­te Instanz vor dem Schwei­gen Für Schriftstellerin und Ärztin Tara Meister geht es letztlich um jedes einzelne Wort.

© Christiane G.

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Sie schal­tet die Lam­pe ein und war­mes Licht legt sich über ihr Gesicht. Neben ihr steht ein klei­nes Radio, das die Stil­le mit Melo­dien aus­füllt. In der Mit­te die­ses Arran­ge­ments nimmt die 28-jäh­ri­ge Tara Meis­ter in Ber­lin Platz, geklei­det mit wei­ßem Hemd und brau­nem Sak­ko, die Fin­ger bestückt mit sil­ber­nen Rin­gen. „Für mich ist es eine Ehre, den Kärnt­ner Lyrik­preis ent­ge­gen­neh­men zu dür­fen“, rich­tet sie in einem Video nach Kärn­ten aus. Im hei­mat­li­chen Süden lebt ihre Fami­lie „und vie­le Men­schen, die für mich wich­tig sind, aber auch für das Schrei­ben.“ Dafür ent­schied sich Meis­ter schon sehr früh, fand ihr Vater doch jüngst das Freun­de-Buch einer ihrer jün­ge­ren Schwes­tern. „Und da schrieb ich als 13-Jäh­ri­ge Ärz­tin und Schrift­stel­le­rin hin­ein.“ Ein frü­hes Bekennt­nis zu Lite­ra­tur und Medi­zin glei­cher­ma­ßen, zwei Berei­che, die sich am Ende die Waa­ge hal­ten: „Natür­lich wird ein­mal das eine Prio­ri­tät haben und ein­mal das ande­re. Aber ich stel­le mir vor, einen Arbeits­all­tag mit Medi­zin zu schaf­fen, wo man Zeit zum Schrei­ben fin­det.“

Bach­mann und Lavant als Wort­müt­ter

Das mit dem Schrei­ben ist ohne­dies eine eigen­sin­ni­ge Sache, „weil es kei­ner öko­no­mi­schen Logik folgt, ande­re Zeit­lich­keit hat und es ande­re Räu­me sind.“ Mit Tara Meis­ter kommt der Gedan­ke in die Welt, in der Stil­le schaf­fend nach vor­ne zu schau­en, fern der lär­men­den Welt sich die Fra­ge nach der Form wie­der­holt zu stel­len, auch wenn sie womög­lich gar nicht zu beant­wor­ten ist. „Ich habe mal gehört, die Lyrik sei die letz­te Instanz vor dem Ver­stum­men. Und ich glau­be schon, dass es eine Form ist, wo man sich einer Sache mit Spra­che nähert, die fast nicht mehr zu grei­fen ist, weil es sich nicht mehr in gan­zen Sät­zen erzäh­len lässt.“ Das Schrei­ben hat bei ihr seit jeher die Gestalt von mäan­dern­den Bewe­gun­gen um Gewalt, Geschlecht, Chan­cen­ver­tei­lung oder etwa Mar­gi­na­li­sie­rung und Kör­per. „Auf jeden Fall femi­nis­ti­sche The­men, die sich immer auch mit Spra­che aus­ein­an­der­set­zen. Spra­che als Instru­ment, das Wirk­lich­keit schafft.“

„Ich fin­de die Hal­tung suspekt, zu sagen, man wäre nicht poli­tisch.“

Tara Meis­ter

Erhebt Tara Meis­ter Inge­borg Bach­mann und Chris­ti­ne Lavant zu ihren bei­den Lyrik-Wort­müt­tern, so äußert sie mit ihnen auch einen per­sön­li­chen Anspruch: „Es ist ein kon­se­quen­tes Aus­pro­bie­ren und ewig-dau­ern­des Wahr­neh­men.“ Als einen „durch­läs­si­gen Men­schen“ hört man die Kärnt­ne­rin sich selbst beschrei­ben, „auf den Beob­ach­tun­gen und Begeg­nun­gen sehr inten­siv ein­wir­ken.“ Ein­drü­cke pral­len nicht an ihr ab, sie set­zen sich fest. „Und es ist eine ganz eige­ne Art von Kon­zen­tra­ti­on, weil es dann so um jedes Wort in den Tex­ten geht. Anders funk­tio­niert es auch nicht.“ Sze­nen, Dia­lo­ge, Gesich­ter – vie­les beglei­tet sie noch lan­ge, bleibt im Kopf hän­gen und hin­ter­lässt Spu­ren. So wird auch das Kran­ken­haus für sie zu einem Ort ver­dich­te­ter Begeg­nun­gen, Nähe ent­steht hier in einer Inten­si­tät, die im All­tag kaum denk­bar wäre. Die­se Über­fül­le an Wahr­neh­mun­gen ist ihr Reser­voir. Schrei­ben­de zu sein, meint Meis­ter, bedeu­te für sie auch, sich der Welt aus­zu­set­zen: bewusst Situa­tio­nen auf­zu­su­chen, Her­aus­for­de­run­gen anzu­neh­men, sich auf frem­de Lebens­rea­li­tä­ten ein­zu­las­sen, und „unter­schied­li­che Men­schen- und Lebens­rea­li­tä­ten ken­nen­zu­ler­nen.“

Am Ende geht es um jedes Wort

Sie hegt auch kei­ne fal­schen Vor­stel­lun­gen über die Wirk­mäch­tig­keit der Lite­ra­tur, das weist sie zurück. „Ich glau­be nicht, dass die Lite­ra­tur irgend­was ret­ten muss.“ Dafür sei­en die Din­ge, die heu­te auf die­ser Welt in Schief­la­ge sind, zu über­mäch­tig. Aber Ver­ant­wor­tung gebe es trotz­dem, gera­de im Vor­gang des Erzäh­lens. „Denn in einer Zeit, in der so vie­le Nar­ra­ti­ve und Erzäh­lun­gen miss­braucht wer­den, muss man sich bewusst über­le­gen, wel­che Bil­der man in die Welt trägt. Und wel­che Bil­der die­je­ni­gen sind, die feh­len“, denn Fan­ta­sie sei kein indi­vi­du­el­les Werk. „Die Men­schen“, sagt Tara Meis­ter, „sind ange­wie­sen dar­auf, dass ihnen ande­re Bil­der und vor allem Uto­pien eröff­nen, auf die sie allein nicht gekom­men wären.“ Daher glau­be sie durch­aus, dass es eine Ver­ant­wor­tung gebe, ja.

„Ich schät­ze es, dass man auf kur­zer Stre­cke inten­siv arbei­ten und Leu­ten viel zumu­ten kann.“

Tara Meis­ter

Ein ful­mi­nan­ter Abschluss

Als dann Josef Wink­ler zum Tele­fon griff und sie in Ber­lin erreich­te, brauch­te es eine Wei­le, bis sie begriff, was über­haupt vor sich geht „Ich konn­te es nicht glau­ben, weil die letz­ten Mona­te schon so ver­rückt waren.“ Meis­ter meint die Tage der deutsch­spra­chi­gen Lite­ra­tur, wo sie für ihren Text Wakas­hu oder mit einem zwei­mo­na­ti­gen Sti­pen­di­um am Ossia­cher See aus­ge­zeich­net und damit zur Car­in­thi­schen-Som­mer-Fes­ti­val­schrei­be­rin gekürt wur­de. Auch vie­le Türe haben sich ihr seit­dem geöff­net. „Und die­se Bestär­kung und Bestä­ti­gung zu erle­ben ist groß­ar­tig, weil es oft Momen­te gibt, wo man allein mit dem Schrei­ben in einer Welt ist, in der alles gegen­läu­fig scheint und das Schrei­ben wie eine abstru­se, wider­sprüch­li­che Idee wirkt.“

08.03.2026 09:00
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Lyrik als letz­te Instanz vor dem Schwei­gen Für Schriftstellerin und Ärztin Tara Meister geht es letztlich um jedes einzelne Wort.

© Christiane G.