Gastkommentar
Die Nacht ist zu still
Der Klagenfurter Schriftsteller und PEN-Club-Funktionär Günter Schmidauer nimmt für "KLiCK"-Kärnten in einem Gastkommentar zur politischen Weltlage Stellung.
© KK
Um das Holokaust-Denkmal in Wien mit den unzähligen Namen der Verfolgten und Ermordeten, legten sie ein Rot-weiß-rotes Absperrband. Auf einem Fake-Plakat mit dem Wiener Stadtwappen wurde der Besuch der Gedenkstätte untersagt. Die Hamas-freundliche Demonstration wurde mittels Handy gefilmt. Ein Sympathisant erklärte der jungen Filmerin: It´s not OK, und noch einmal: It´s not OK. Dann wackelte das Bild und verschwand.
Vor der Synagoge nimmt ein Mann seine Bekannte auf die Schultern. Ihre ausgestreckte Hand erreicht gerade den untersten Zipfel der israelischen Fahne. Sie reißt sie herunter. Wo Hamas-Sympathisanten auftauchen, tauchen auch Israelfreunde auf. Möge doch das Aufeinandertreffen eskalieren, bin ich versucht von ihren Gesichtern abzulesen. In diesen Abendstunden ist keine Zeit für Argumentation. Sie wich der Agitation.
Nicht ganz klar ist, ob sich beide Seiten überhaupt die Mühe gemacht haben, jemals Zusammenhänge zu suchen und Ansätze für ein Verstehen zu finden. Zu lange wurde nicht deutlich Stellung bezogen, nicht Klartext geredet. Nun ist kein Platz mehr für Argumentationen. Fake-News reichen nicht selten aus. Ob sie aus KI generieren, ist nicht das Thema. Nach all dem Schwammigen, dem Verbindlichen, das nie und nimmer verbinden kann, sind nun endlich — und zwar deutlich — Fronten bezogen worden. Hinter jeder sammeln sich die zugeordneten Aufständischen und erhitzen sich. Ob sie zu einer Konfliktlösung etwas beitragen wollen, steht auf einem anderen Blatt. Oder ob sie es können.
Die sechsundzwanzigjährige Anja W. klebt sich unverdrossen auf belebten Straßen fest. Auch schon einmal in Klagenfurt. Andere Aktivist:innen betonieren sich für die gute Sache zu. Bei Schirennen wird der Zielraum mit oranger Farbe besprayt. Alle Achtung für den Mut all jener, die glauben, Menschen überzeugen zu müssen, die längst auf ihrer Seite sind. Deren potenzierter Unmut wird den wirklich Verantwortlichen kein müdes Lächeln abringen. Nicht einmal ein müdes Lächeln. Denn sie kennen die Problematiken besser als wir alle und, davon bin ich überzeugt, auch die möglichen Lösungen. Zu deren Umsetzungen sind sie nicht bereit, etwas beizutragen, wenn sie nicht müssen. Wer zwingt sie zu diesem Muss? Wer bezwingt den Bezwinger?
Ob wir in der Lage sind unser demokratisches System zu schützen, das für die Macht- und Einflusslosen eine Chance bieten könnte, wenn die globalen Gambler sich ihm entziehen, ist eine andere Frage. Jene, die es sich zu Ungunsten der Einfachen richten können, brauchen keine Demokratie. Sie geben ihr und ihren Vertretern die neuen Spielregeln vor.
Wer regiert unsere Regierungen? Und die Banken? Der Gesinnungsaustausch der Gleichgesinnten beschränkt sich auf die Gesinnungsgemeinschaft. Und der steht eine andere, viel kleinere gegenüber.
Von all dem unberührt, agieren die Verantwortlichen in ihren klimafreundlichen Hochburgen mit den Politikern ihrer Wahl, welcher Richtung auch immer. – Wir erreichen sie nicht. Ich glaube nicht an eine Weltverschwörung. Hier wäre ein Verschwörungsprogramm vorstellbar. Das haben sie nicht. Nicht nötig. Es genügt als Maxime die Gewinnmaximierung bis jener Break Even Point erreicht ist, nachdem alle Player nicht mehr mithalten können, weil ihnen die entsprechenden Mittel fehlen. Dann wird es ruhig und fast einsam dort oben.
Die Abgeschlagenen schweigen bedeutungsvoll. Die Verbliebenen schweigen bescheiden und meiden die Öffentlichkeit, außerhalb ihrer kleinen Gemeinde der Oberen Einhundert.
Ganz unten wird geschrieben, geklebt, geschrien und nicht selten nehmen die Untersten den Köder des Widerstands auf, der ihnen von den wenigen Zurückhaltenden vorgeworfen wird. Der Köder ist dabei so präpariert, dass er den Auswerfenden meist lautstark unterstützt, ohne dass sie selbst in Erscheinung treten müssen. In ihrer Hand haben sie einen unschlagbaren Vorteil: die frustrierte Wut der Einflusslosen, der dem System Ausgelieferten, das sie finanzieren, auf das sie aber keinen Zugriff haben. Das fühlen sie und das ist ihre Wahrheit. Sie wird zur Wut ohne Argumente. Denn diese sehen sie im Dienste eines Systems, das sie beherrscht.
Manche haben eine etwas anderen Blick auf unsere Gesellschaft. Dennoch: Wie viele Künstler lösen sich von ihrer Selbst-Beschaulichkeit?, der Reflexion auf Großmütter oder schweigende Väter, die nach der Rückkehr aus dem Krieg verstummt sind? Immer noch sind manche Autor:innen und bildende Künstler:innen der Überzeugung, sie seien das ultimatives Brennglas der Zeit, in dem sich alles Leid und das bisschen mögliche Glück fokussiert. Auch wenn sie sich hinter dem Ich bin ja nur… publikumswirksam in aller Bescheidenheit präsentieren. Den wesentlichen Fragen der Zeit weichen sie aus oder verstellen den Blick auf sie. Sie können nicht, oder? Nicht ihre Sache! – Oder sie lenken sie zu ihren Gunsten um. Auch ihr Engagement hat einen kleinen Kreis von Adressaten. Was hört, liest, sieht oder versteht aber Otto Normalo, Ottilie Normalo außerhalb der finanzkräftigen Kulturaffinen, die kaufbereit sind, von ihnen? Sie spüren eine exklusive Performance das Flair des Besonderen, und sind beeindruckt, weil die Besonderen sie zur Brust und in Besitz genommen haben. Da muss etwas dran sein, außer Kapital. Nicht immer.
Was bleibt in den unteren Etagen? — Schweigende Unzufriedenheit, hinter deren Fassade es brodelt. Aber es bleibt still. In diesen finsteren Zeiten bleibt es zu still. – Die Nacht ist zu still.
Sinngedichte zum Weihnachtslichte
Oh´ Kerze schwärze nicht,
sonst kauf ich ein Elektrolicht.
Das ganze Jahr war voller Mängel,
doch endlich kommt der Weihnachtsengel.
Ein Zustand, den wir alle kennen,
ist, dass die Weihnachtsbäume brennen.
Schon geht das Wachslicht sanft zur Neige,
es flammen dann die dürren Zweige.
Kekse, Marzipan und Weihnachtsstollen
sind es nicht was Kinder wollen.
Ein smartes Phon und Markensweater
müssen her, sonst gibt’s Gezeter.
Wer Tag für Tag ein Bengel war,
sitzt unterm Weihnachtsbaum im Engelhaar.
Der Wald steht schwarz und schweigt noch immer,
in der Großstadt überwiegt der Glimmer.
Das Rentier zieht den Schlitten,
der Weihnachtsmann hat keine Ti…efen blauen Augen.
Am Abend sind die Chöre müd´,
da passt nur noch ein Kärntnerlied.
Die schöne Kerze nur mit Mühe glost,
zum Trost trink ich den Glühemost.
Im Advent, da hört man immer wieder
andachtsvolle Kärntnerlieder.
Stattdessen hätt´ ich gerne –
lautlos-rote Weihnachtssterne.
Do you realy remember,
der Adventkalender beginnt am Anfang vom Dezember.
Da hilft kein Nörgeln und kein Lästern,
Schluss ist finaly zu Silvestern. (hinkt etwas)
Der Nebel hängt im Klagenfurter Becken,
und hebt sich nicht – nicht ums Verrecken.
Doch am Magdalensberg droben,
kann man das Wetter durchaus loben.
Das Jahr hört auf — es ist schon alt,
für einen Frühling ist es noch zu kalt.
Verflogen ist es wie die Spreu –
ein paar Tage noch, dann ist es neu.


