Reisebericht

Von Glet­scher­seen, Vul­ka­nen, Step­pen und Schläch­tern in Uni­form

Grauenhafte Bilder, die in „Menschenrechts-Museen“ in Chile und Argentinien an brutale Militärdiktaturen erinnern.  Diese dunklen Kapitel der Geschichte (Chile 1973 bis 1990, Argentinien 1976 bis 1983) sind in der Bevölkerung bis heute nicht zur Gänze „aufgearbeitet“. Harald Raffer sprach im Rahmen einer Südamerika-Bildungsreise des Kärntner Renner-Institutes mit dem prominenten Zeitzeugen Osvaldo Puccio.

Von Glet­scher­seen, Vul­ka­nen,  Step­pen und Schläch­tern in Uni­form Das Seental in Chile – schön anzusehen.

© Sieglinde Raffer

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Sol­da­ten, die auf zucken­des Fleisch ein­tre­ten. Men­schen, die angst­voll blu­ti­ge Hän­de hoch­stre­cken. Uni­for­mier­te, die lust­voll quä­len, wahl­los töten und auf Wehr­lo­se schie­ßen. Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger, die an die unse­li­ge Nazi-Zeit erin­nern. Ver­schlepp­te, die ver­schwun­den geblie­ben sind. Gefan­ge­ne, die man aus Flug­zeu­gen ins Meer wirft. Wäh­rend sich der mit 4.270 Kilo­me­ter lang­ge­zo­ge­ne Staat der „Anden-Kame­le“ durch eine rela­tiv sta­bi­le und moder­ne Markt­wirt­schaft aus­zeich­net, schießt die Infla­ti­ons­ra­te im „Land des Tan­gos“ ins Uner­mess­li­che.

„Man setzt hier voll auf grü­ne Ener­gie“, erklärt der öster­rei­chi­sche Bot­schaf­ter in Chi­le, Ste­phan Vavrik, bei einem Emp­fang für die Grup­pe aus Kärn­ten. Vavrik ver­weist auf Chi­le als zweit­wich­tigs­ten Han­dels­part­ner für Öster­reich auf die­sem Kon­ti­nent, nach Bra­si­li­en. Beson­ders gefragt sind Seil­bah­nen, eine „Mun­ter­ma­cher-Dose“,  grü­ner Was­ser­stoff, Solar- und Wind­kraft, Tief­bau-Maß­nah­men und Tou­ris­mus-Know-how. Manch­mal müs­se man bei Geneh­mi­gun­gen „etwas nach­hel­fen“. Lei­der sei, so Vavrik, ein Anstei­gen der „impor­tier­ten Schwer­kri­mi­na­li­tät“ zu ver­zeich­nen. Land­tags­prä­si­dent Rein­hart Rohr, Abge­ord­ne­te Ruth Feis­trit­zer, Ren­ner-Insti­tuts­lei­ter Har­ry Kol­ler, Gemein­de­rä­tin Ange­li­ka Hödl, Chris­ti­ne Gasch­ler (Lan­des­re­gie­rung), Fische­rei-Obmann Edu­ard Blat­nik und wei­te­re 18 Kärnt­ner zäh­len zu den inter­es­sier­ten Gäs­ten. Spit­zen­di­plo­mat Vavrik ist mit der musik­be­geis­ter­ten Wirt­schafts­wis­sen­schaf­te­rin Ursu­la ver­hei­ra­tet, einer Groß­nich­te von Karl Pop­per. Der Bücher­schatz des berühm­ten Phi­lo­so­phen wird von der Kla­gen­fur­ter Uni ver­wal­tet. Übri­gens – fri­sches Obst darf in Chi­le kei­nes­falls ein­ge­führt wer­den, es dro­hen Stra­fen. Beim Zoll wird mit Hun­den kon­trol­liert.

Was in der chi­le­ni­schen Haupt­stadt Sant­ia­go auf­fällt: Die Wol­ken­krat­zer-Metro­po­le prä­sen­tiert sich als sau­be­re City, an Wochen­en­den wer­den Stra­ßen gesperrt, damit Jog­ger und Rad­fah­rer pro­blem­los sport­li­chen Tätig­kei­ten nach­kom­men kön­nen. Frei­lich klafft auch in die­sem Land, wie in ganz Süd­ame­ri­ka, die Kluft zwi­schen Arm und Reich weit aus­ein­an­der. Vor dem Prä­si­den­ten­pa­last (Pala­cio de La Mone­da) fin­det sich eine Grup­pe von 80 laut schrei­en­den und Fah­nen schwen­ken­den Demons­tran­ten ein, eine ultra­rech­te Grup­pe, die gegen Aus­län­der schimpft. Nein, es ist – wie ein Tou­rist schmun­zelt fest­stellt– kei­ne Außen­stel­le der öster­rei­chi­schen FP. Zwei der rech­ten Teil­neh­mer grü­ßen unse­ren Beglei­ter Osval­do Puc­cio. Der 71-jäh­ri­ge gilt sogar bei poli­ti­schen Geg­nern als ach­tens­wer­te Gali­ons­fi­gur. Puc­cio deu­tet im Prä­si­den­ten­pa­last, bewacht von einer eige­nen Gar­de, auf eine Ecke, wo einst der frei gewähl­te Prä­si­dent Sal­va­dor Allen­de sein Büro hat­te. Dort erfolg­te am 11. Sep­tem­ber 1973 der Angriff samt Bom­bar­de­ment der Put­schis­ten auf die letz­ten 40 Getreu­en, die sich hin­ter die­se dicken Mau­ern ver­schanzt hat­ten. Puc­cio war damals ein 20-jäh­ri­ger Jura­stu­dent, des­sen Vater dem Prä­si­den­ten als Pri­vat­se­kre­tär zur Sei­te stand. Der ergrau­te Zeit­zeu­ge zu „KLICK“: „Es war die Höl­le! Allen­de gab mir noch die Hand, sag­te auf­mun­tern­de Wor­te und bedank­te sich bei uns!“ Dann erschoss sich der Prä­si­dent, um den Mili­tärs den Tri­umpf sei­ner Gefan­gen­schaft nicht zu gön­nen. Bei die­sem blu­ti­gen Putsch spiel­ten die USA mit der CIA in Latein­ame­ri­ka wie­der eine mehr als zwie­lich­ti­ge Rol­le – nur kei­ne lin­ke Regie­rung!. Sie unter­stütz­ten den neu­en Macht­ha­ber Gene­ral Augos­to Pino­chet, der über 3000 Men­schen ermor­den und 25.000 Ver­haf­te­te in Gefäng­nis­se wer­fen ließ. Das Schick­sal von über 1000 Per­so­nen bleibt unge­klärt. Der spa­ni­sche Dik­ta­tor Fran­co soll Pino­chets Vor­bild gewe­sen sein. Wenn man im Museo de la Memo­ria vor einem Bil­der-Meer mit Hun­der­ten Por­träts ver­schwun­de­ner und ermor­de­ter Opfer steht, ist man sprach­los. Eini­ge der bes­tia­li­schen Fol­ter­me­to­den: E‑Schocks, Hän­ge-Arten für alle Kör­per­tei­le. Rat­ten, die in Kör­per­öff­nun­gen ein­ge­führt wor­den sind. Über­ein­ader­lie­gen nack­ter Kör­per, Über­fah­ren Gefan­ge­ner, enge Käfi­ge. Metall­hel­me mit hohen Tönen. Rus­si­sches Rou­lette. Im ers­ten Moment denkt man wut­ent­brannt: „Lie­ber Gott, schaff auf dem gan­zen Pla­ne­ten das Mili­tär ab! Ver­nich­te alle Waf­fen!“ Und man denkt an Krie­ge – in Syri­en, in der Ukrai­ne, in Isra­el. Zurück zu Puc­cio, der eben­falls gefol­tert und spä­ter Minis­ter und Bot­schaf­ter gewor­den ist. Er traf als Bot­schaf­ter in Wien einen sei­ner Pei­ni­ger, einen ehe­ma­li­gen Offi­zier. Die­ser sprach ihn dar­auf an, ob er ihn nicht erken­nen und sich rächen wür­de. Der sozia­lis­ti­sche Diplo­mat ant­wor­te­te ruhig: „Ich habe Sie sofort erkannt. Sie haben mich geschla­gen. Aber ich wer­de nichts gegen Sie unter­neh­men, sonst stel­le ich mich auf die­sel­be Stu­fe wie Ihre Fol­ter­knech­te.“ Puc­cio muss­te damals auch Schein­exe­ku­tio­nen über sich erge­hen las­sen.

Auf der Besich­ti­gungs­tour (zwi­schen akti­ven und erlo­sche­nen Vul­ka­nen, male­ri­schen Glet­scher-Seen, end­lo­sen Step­pen, bun­ten Bret­ter­häu­sern, Rin­der­her­den und den Anden): Puer­to Montt. Eine bezau­bern­de Hafen­stadt, in der Nähe der Petro­hue Was­ser­fäl­le, der Stadt Fru­til­lar und des Todo los San­tos Sees. In Val­di­va erregt nicht nur der Fisch­markt die Auf­merk­sam­keit der Grup­pe, auch Gei­er und Rob­ben war­ten im Was­ser auf Abfäl­le. In Nie­b­la ermög­licht eine spe­zi­el­le Platt­form einen berau­schen­den Aus­blick auf den Pazi­fik. Temu­co ent­puppt sich als Zen­trum der Deutsch-Chi­le­nen, ehe­ma­li­ge Aus­wan­de­rer. Vor dem Über­que­ren des Anden­ge­bir­ges per Bus nach Argen­ti­ni­en prä­sen­tie­ren sich noch der Vil­lar­ri­ca See und der Vul­kan Vil­lar­ri­ca in vol­ler Pracht. Dabei durch­que­ren die Besu­cher Natio­nal­parks mit gran­dio­sen Arau­ka­ri­en Wäl­dern. Auf Schil­dern wird auf die Arten­viel­falt der Fau­na (Puma, Gua­na­ko, Con­dor etc.) und Flo­ra hin­ge­wie­sen. In den Nach­rich­ten hört man von ver­hee­ren­den Wald­brän­den in Chi­le – mit zahl­rei­chen Toten! 150 Kilo­me­ter von Sant­ia­go ent­fernt. Und von einem Hub­schrau­ber­ab­sturz, bei dem Ex-Prä­si­dent Sebas­ti­an Pine­ra das Leben ver­liert.

In Bari­lo­che (Der „Schweiz“ Argen­ti­ni­ens mit den sie­ben Seen) fin­det man Scho­ko-Ver­käu­fer und Shops für Berg­tou­ren und Schi­fah­ren. Ein Besuch der Insel Vic­to­ria im Nahuel Hua­pi See zählt zum Pflicht­pro­gramm im argen­ti­ni­schen Pata­go­ni­en. In der Haupt­stadt Bue­nos Aires riecht es förm­lich nach Steaks und Empa­na­das – mit aus­ge­zeich­ne­tem Rot­wein und schmack­haf­tem Bier. Der rosa Prä­si­den­ten­pa­last am Haupt­platz fin­det sich im Stadt­kern. Man­che Stadt­tei­le erin­nern durch alte Bau­ten an Wie­ner Vier­tel, ver­stärk­te Poli­zei­prä­senz sticht ins Auge. Etwa am Hafen oder beim Rio de la Pla­ta. Mit der Fried­rich-Ebert-Stif­tung wan­deln wir auf den Spu­ren der Perons – bis zur grau­sa­men Mili­tär­dik­ta­tur mit Todes­schwa­dro­nen, Zwangs­ad­op­tio­nen von Säug­lin­gen ermor­de­ter Frau­en, Fol­te­run­gen von über 30.000 Opfern. Jun­ta-Chef Vide­la lös­te nach einem Putsch die drit­te Frau von Juan Peron, Prä­si­den­tin Maria Estel­la „Isa­be­li­ta“, ab. Wir besu­chen Evi­ta Perons Grab. Die zwei­te Frau des Prä­si­den­ten, eine ehe­ma­li­ge Nacht­klub­tän­ze­rin, starb an Krebs. Die Fami­li­en­gruft der Duar­tes liegt auf dem Fried­hof La Reco­le­ta, der „Ruh­stät­te der Rei­chen“. Eine stei­ner­ne Stadt der Toten. Bei der Fuß­ball­welt­meis­ter­schaft 1978 hat­ten die Teil­neh­mer meist nur ein Auge auf das run­de Leder – die Mili­tär­dik­ta­tur wur­de aus­ge­blen­det, das Gast­ge­ber­land sieg­te. Man gab uni­for­mier­ten Mör­dern qua­si eine Legi­ti­ma­ti­on. Da wird nicht nur ein Sport­re­por­ter „nar­risch“. Auch im ehe­ma­li­gen Geheim­ge­fäng­nis Escue­la de Meca­ni­ca de la Arma­da scho­ckie­ren Bil­der unzäh­li­ger Ver­miss­ter und Ermor­de­ter. Und die Aus­sa­gen von über­le­ben­den Zeu­gen. Die „Müt­ter der Ver­schwun­de­nen“ gilt als eine der wich­ti­gen Pro­test­be­we­gun­gen gegen ein maß­lo­ses Ter­ror-Regime. Erst der ver­lo­re­ne Krieg um die Falk­land-Inseln sorg­te für den Zusam­men­bruch die­ser Mili­tär­jun­ta.

Von Bue­nos Aires geht es per Flug zurück über den Atlan­tik nach Madrid und Vene­dig und mit dem Bus nach Hau­se, um die vie­len Ein­drü­cke in Ruhe ver­ar­bei­ten zu kön­nen. Damit uns spä­ter nicht alles „spa­nisch“ vor­kommt….

 

26.02.2024 19:00 - Update am: 27.02.2024 10:00
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