"Im Zeitraffer"

Was jetzt – Leit­kul­tur oder Leid­kul­tur?

Ein Begriff schwirrt seit einiger Zeit durch heimische Medien – das Wort „Leitkultur“. "KLiCK"-Kärnten und Reporter Harald Raffer haben sich dem Thema angenommen.

Was jetzt – Leit­kul­tur oder Leid­kul­tur? Was von der ÖVP als „vorbildliche Spielregeln für ein harmonisches Zusammenleben“ von Landsleuten und Migranten gesehen wird, löst bei vielen Beobachtern blankes Entsetzen aus.

© KLiCK Kärnten/Grayer

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Und schon kann man in anspruchs­vol­len Essays, knap­pen Kom­men­ta­ren und diver­sen Glos­sen der „Qua­li­täts­me­di­en“ Bei­trä­ge fin­den, die die­se zehn Buch­sta­ben sezie­ren, über die wah­re Bedeu­tung phi­lo­so­phie­ren und dar­aus ver­schie­de­ne Bot­schaf­ten ablei­ten. Gut gemeint ist eben nicht immer gut gemacht, vor allem wenn sich die Volks­par­tei in einem Wahl­kampf­jahr bemü­ßigt fühlt, die „öster­rei­chi­sche Leit­kul­tur“ zu defi­nie­ren – als „Benimm-Dich-Bibel“ für zuge­zo­ge­ne Aus­län­der. Mit die­ser Dis­kus­si­on lan­de­te die VP einen Bauch­fleck. Man kann die FP eben kaum rechts über­ho­len – schon gar nicht, wenn es um das The­ma „Migran­ten“ geht…

Was von der ÖVP als „vor­bild­li­che Spiel­re­geln für ein har­mo­ni­sches Zusam­men­le­ben“ von Lands­leu­ten und Migran­ten gese­hen wird, löst bei vie­len Beob­ach­tern blan­kes Ent­set­zen aus. Kri­ti­ker war­nen davor, dass eine Par­tei plötz­lich eine Kul­tur vor­gibt, an die sich alle zu hal­ten haben. Also prak­tisch bestimmt, wie Frau und Herr Öster­rei­cher sich beneh­men sol­len. Ver­mut­lich am bes­ten mit einem „schwarz/türkisen“ Par­tei­buch in der Tasche. Der unglück­li­che Ver­such mit der „Leit­kul­tur“ vor allem in sozia­len Netz­wer­ken punk­ten zu kön­nen, ging voll in die Leder­ho­se. Es blüht sogar die „Neid­kul­tur“ (zwi­schen In- und Aus­län­dern). In Kärn­ten gab es bereits vor Jah­ren eine „Anstands­ver­ord­nung“, die an unse­li­ge Zei­ten erin­nert hat. Das kann man der um jeden Wäh­ler kämp­fen­den VP kei­nes­falls vor­wer­fen. Mög­li­cher­wei­se woll­ten Exper­ten tat­säch­lich „frisch“ zuge­wan­der­ten Flücht­lin­gen und Asy­lan­ten unse­re mit abend­län­di­schen Tra­di­tio­nen ver­bun­de­ne Lebens­wei­se näher­brin­gen. Das ist grund­sätz­lich nicht ver­werf­lich und soll­te den Betrof­fe­nen in spe­zi­el­len Kur­sen, bei der Arbeit und im ganz nor­ma­len All­tag mit nach­voll­zieh­ba­ren Bei­spie­len vor Augen geführt wer­den. Ein­wan­de­rer, die sich von unse­ren mora­li­schen Wer­ten völ­lig abkap­seln und reli­giö­se bzw. kri­mi­nel­le Par­al­lel-Gesell­schaf­ten auf­bau­en, Geset­ze miss­ach­ten und Frau­en unter­drü­cken sind kei­nes­falls will­kom­men! Das ist aber ohne­hin logisch, ent­spre­chen­de Para­gra­fen gibt es längst.

War­um muss aber die VP, kurz vor der EU- und weni­ge Mona­te vor der Natio­nal­rats­wahl, Leit­bil­der mit Hei­mat­kitsch ver­bin­den? Für unse­re Leut? Der Satz stammt doch von der Kon­kur­renz. Und so man­che Sprü­che („Tra­di­ti­on statt Mul­ti­kul­ti“) schei­nen bereits von Grup­pie­run­gen ver­wen­det wor­den zu sein, von der eine staats­tra­gen­de Par­tei Abstand hal­ten soll­te. Leit­kul­tur? Also Trach­ten, Blas­mu­sik, Schnit­zel, Mai­baum-Auf­stel­len. Die ohne­hin stets unglück­lich agie­ren­de VP-Medi­en- und Inte­gra­ti­ons­mi­nis­te­rin Susan­ne Raab, die einen Exper­ten­rat für die Defi­ni­ti­on einer öster­rei­chi­schen Leit­kul­tur ein­ge­setzt hat, wirkt auch bei die­sem The­ma heil­los über­for­dert. Pein­lich, wenn aus­ge­rech­net Erich Rieg­ler, Prä­si­dent des Öster­rei­chi­schen Blas­mu­sik­ver­ban­des, mit dem Wort „Leit­kul­tur“ nichts anfan­gen kann. Zudem ver­wahrt sich der Prä­si­dent gegen eine „Ein­ver­nah­me“ der Blas­mu­sik durch poli­ti­sche Par­tei­en. Autsch! Das hat geses­sen! Wenn einem ein­mal Öster­reichs Musi­ker den Marsch bla­sen…

Es kommt noch schlech­ter: Mitt­ler­wei­le pfeift ein wich­ti­ges Mit­glied von Raabs Exper­ten­rat wegen der „unsäg­li­chen Sujets“ auf sei­ne Mit­ar­beit in die­sem unge­wöhn­li­chen Gre­mi­um. Wie man aus dem Minis­te­ri­um hört, sei doch die Frau Minis­ter Raab gar nicht für die gan­ze Kam­pa­gne ver­ant­wort­lich. Wie bit­te? Wer lei­tet das Res­sort für Inte­gra­ti­on? Oder war es gar Bun­des­kanz­ler Karl Neham­mer, der mit die­ser durch­schau­ba­ren Akti­on im blau­en Teich Stim­men fischen woll­te? Den Begriff „Leit­kul­tur“ hat, wie mitt­ler­wei­le bekannt sein dürf­te, der gebür­ti­ge Syrer Bassam Tibi, der spä­ter nach Deutsch­land aus­ge­wan­dert ist, erfun­den bzw. spruch­reif gemacht. Er befass­te sich mit Fra­gen der Zuwan­de­rung ara­bi­scher Kul­tur. Frei­lich nicht nur mit eini­gen hin­ge­wor­fe­nen Wör­ter-Hap­pen oder Sym­bol­fo­tos, son­dern mit Vor­schlä­gen für ein fried­li­ches Zusam­men­le­ben. Und die Kärnt­ner Lan­des-VP? Die hat schon 2022 eine „Kärnt­ner Iden­ti­tät“ for­mu­liert. Dazu damals VP-Lan­des­chef Mar­tin Gru­ber: „Das bedeu­tet eine kla­re Spra­che beim Schutz unse­rer Kul­tur, Wer­te und Iden­ti­tät, ins­be­son­de­re bei Zuwan­de­rung und Inte­gra­ti­on“. An Klar­heit hat es aber der „Leitkultur“-Aktion der Bun­des-Schwar­zen gefehlt. Kein Wun­der, dass man kräf­tig zurück­ru­dert. Der bun­te Vor­wahl-Luft­bal­lon ist geplatzt – aus der Leit­kul­tur wur­de eine Leid­kul­tur.  Und die ande­ren Par­tei­en lachen sich ins Fäust­chen, vor allem die FP. Ver­mut­lich auch die Neos, die fei­er­li­che Treue-Schwü­re bei der Über­rei­chung von Staats­bür­ger­schaf­ten an Neo-Lands­leu­te for­dern. Wie for­mu­lier­te einst Fried­rich Nietz­sche? „Wir gehö­ren einer Zeit an, deren Kul­tur in Gefahr ist, an den Mit­teln der Kul­tur zugrun­de zu gehen….“

 

08.04.2024 13:00
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Was jetzt – Leit­kul­tur oder Leid­kul­tur? Was von der ÖVP als „vorbildliche Spielregeln für ein harmonisches Zusammenleben“ von Landsleuten und Migranten gesehen wird, löst bei vielen Beobachtern blankes Entsetzen aus.

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