"Im Zeitraffer"
Der Spion, der aus dem schönen Kärnten kam….
Sie gelten als „Schatten-Wesen“, eiskalte Profis, menschliche Chamäleons, gewissenlose Draufgänger und Verstellungskünstler der besonderen Art – Spione! Weniger freundlich ausgedrückt, kann man sie als Verräter, Denunzianten, Überläufer oder Spitzel bezeichnen. Die einen machen es für Geld, die anderen werden erpresst, stehen heimlich im Dienst einer fremden Macht oder sind eitle „Wichtigmacher“. Derzeit sorgt der gebürtige Kärntner Egisto O. für eine Affäre mit allen Zutaten eines Thrillers. Er soll für Putins Reich „gearbeitet“ haben. James Bond lässt grüßen!
"Als Journalist hatte ich immer wieder mit Agenten zu tun", schreibt Harald Raffer im "Zeit Raffer".© pixabay.com/Lenzatic
Werden auch Sie, geschätzte Leserin, geschätzter Leser, heimlich ausgehorcht und gefilmt, werden Ihre Computer-Daten mit der „Alexa“ oder dem TV-Gerät abgesaugt und teuer verkauft? Von der NSA oder von heimischen Staatsschützern? Wohl kaum, weil sich das Interesse einer fremden Macht an Ihrem Privatleben vermutlich in Grenzen hält. Selbst wenn Reizwörter wie „Terror“, „Angriffsziele“ oder „Bomben“ bei Ihren Telefongesprächen fallen sollten. Andererseits hat etwa der genannte US-Geheimdienst Hunderttausende Begriffe „aufgefangen“ und gespeichert. Täglich erfahren wir jetzt, was Egisto O., ein Mann aus der beschaulichen Kärntner Gemeinde Paternion, für ein knallharter Meisterspion gewesen sein soll. Für den Ex-Staatsschützer, der in U‑Haft einsitzt, gilt die Unschuldsvermutung. Der Tipp zu seiner Enttarnung kam von einem befreundeten ausländischen Dienst. So soll Herr O. sogar Befehle aus Moskau erhalten, gestohlene Smartphones von leitenden Beamten verkauft und einen russisch-kritischen Investigativ-Journalisten ausgespäht haben. Gemeinsam mit einem geflüchteten Vorgesetzten und einem in Russland untergetauchten Wirtschaftsboss. Mittlerweile gibt es Vermutungen, dass O. sensible Daten, Namen und Operationen auch anderen Staaten verkauft haben könnte. Und Österreich wäre nicht Österreich, wenn man der ganzen Geschichte nicht eine Nestroy-Posse abgewinnen könnte. Der einsitzende Kärntner, gegen den einmal erfolglos ermittelt worden ist, rechtfertigte sein „Schattenmann“-Dasein mit der Ausrede, er hätte nur in dunklen Geheimdienstkreisen recherchiert und wollte als Hobby-Journalist „alles aufdecken“. Man kommt aus dem Staunen nicht heraus. Und was machen unsere glorreichen Parteien? In diesem Fall vor allem die FP und die VP, die zuletzt die Innenminister gestellt haben? Sie schieben sich täglich den „schwarzen Peter“ zu. Keiner will etwas von den unheimlichen Tätigkeiten des enttarnten Kärntners und seiner Komplizen gewusst haben. Das ist ja noch schlimmer! Man kann also in der Wiener Herrengasse oder beim ehemaligen Bundesamt für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung in aller Ruhe einer „besonderen“ Agenten-Beschäftigung nachgehen. Kein Wunder, wenn ausländische Dienste unseren Staatsschutz wenig vertrauensvoll als „Schweizer Käse“ bezeichnen. Wer ist also ein Sicherheitsrisiko? Was wusste Kickl, was Nehammer, was Karner? Der kürzlich erfolgte Auftritt des aktuellen VP-Innenministers in einer ORF-ZIB-2-Sendung zum „Agenten-Skandal“ entpuppte sich als wenig professionell und verdient das Prädikat „peinlich“. Eine Verschärfung der Gesetze (Spionieren gegen Österreich) dürfte da wenig helfen, es wird weiter auf Teufel komm raus „geschnüffelt“. Die Botschaften sind voll mit „unauffälligen Herren“ und „speziell geschulten Damen“.
Als Journalist hatte ich immer wieder mit Agenten zu tun. So hat mir in Wien der ehemalige britischen Botschafter Leigh Thurner erklärt, dass der Kreml eindeutig hinter einem Giftanschlag auf einen ehemaligen russischen Doppelagenten in London stehen würde. Es gäbe ausreichend Beweise. Der russische Botschafter Dmitri Ljubinski erklärte mir hingegen, dass diese Beschuldigungen „völlig aus der Luft gegriffen wären“ und es sich wieder um „haltlose Beschuldigungen des Westens“ handeln würde. Vermutlich hatten die Killer aus dem Osten geschlampt. „Durchleuchtet“ wird man von speziellen Sicherheitsleuten, wenn man mit einem ausländischen Diktator ein persönliches Interview führen will. Das habe ich u. a. in Libyen bei einem Treffen mit M. Gaddafi erlebt. Sogar Kugelschreiber mussten aufgeschraubt werden. Der Wiener US-Botschafter Felix Bloch wurde seinerzeit abberufen, weil er für die Russen spioniert haben soll. Bloch wurde nie verurteilt und hat alle Vorwürfe stets bestritten – auch in einem Telefonat mit mir. Vor vereinbarten Begegnungen mit den Botschaftern aus dem Iran, den Vereinigten Arabischen Emiraten und der Türkei haben mich zuvor immer freundliche Herren in teuren Maßanzügen empfangen, zeigten sich bestens informiert und „checkten“ mich ab. Das waren sicher keine „normalen“ Sekretäre. Ein langes Interview in einem Münchner Lokal mit dem aus der Haft entlassenen ehemaligen jugoslawischen Geheimdienst-Oberst J. Majerski, der als getarnter Oberkellner Exil-Kroaten in Deutschland ans Messer geliefert hatte, wurde vom Deutschen Bundesnachrichtendienst abgehört, mitgeschnitten und ans Innenministerium nach Wien geschickt. Ich hatte vor Jahren eine Serie über „Titos Meisterspion“ verfasst. Zudem haben „unsere“ Kärntner Staatsschützer immer „wichtige Infos“ über mich gesammelt, die zum Großteil von einem eigenartigen Erfindungsreichtum zeugten. So hatte man behauptet, ich hätte vor Ort in der Alt-Nazi-Szene in einem mittelamerikanischen Staat recherchiert und man hätte entsprechende Bilder dazu. Die Fotos wurden mir nie gezeigt. Kein Wunder, in dem besagten Land war ich leider noch nie. Vor Jahren spionierten in Deutschland Journalisten Kollegen aus und verrieten sie an den Bundesnachrichtendienst – für Geld oder Geschichten. Wen soll man also noch trauen können?
Bleiben wir in Österreich: Wir verfügen neben den tapferen zivilen Staatsschützern des DSN zwei weitere (un)heimliche Dienste – nämlich beim Bundesheer. Die Befugnisse dieser „Schatten-Leute“ lassen einem die Haare zu Berge stehen – sogar vom Abhören oder der Beschlagnahme von Zivilfahrzeugen in Friedenszeiten ist die Rede.Wer kontrolliert eigentlich diese uniformierten „Ohren“ und „Augen“? Das Heeresabwehramt und das Heeresnachrichtenamt. Meist parteipolitisch (nach Proporz) besetzt. Auch wenn dieser Apparat aufgebläht erscheint, gilt er im Ausland als „ziemlich professionell“. Vor allem gewisse Analysen werden sehr geschätzt. Da können sich die zivilen Spione einiges abschauen. Zurück zum Herrn O. , diesem Kärntner Wunderwuzzi, der angeblich jahrelang ungehindert mehr oder weniger wertvolles Info-Material problemlos absaugen konnte: Was kommt noch an die Öffentlichkeit? Was weiß man schon und veröffentlicht es nicht? Man darf gespannt sein. James Bond hat schon einmal unser Bundesland besucht – für einen 007-Film. Ich konnte mich damals zu Timothy Dalton „durchkämpfen“. Der „Hauch des Todes“ wurde ein Welterfolg. Von einer erfolgreichen Aufklärungsarbeit in der Causa O. sind unsere Behörden noch meilenweit entfernt. In der Zwischenzeit „schießen“ die einstigen Koalitionspartner VP und FP Giftpfeile ab– schließlich wird im Herbst gewählt. Mit oder ohne Hilfe sensibler Daten.



