"Im Zeitraffer"
Nazi-Gegröle: So sind wir nicht!
„Wahnsinn!“ Dieses Wort beschreibt den schwer nachvollziehbaren Umstand, dass im 21. Jahrhundert der braune Sumpf blüht und gedeiht!
Schwache Menschen träumen vom „starken Mann an der Macht“, von einem heilsbringenden Erlöser. In ihrer beschränkten Gedankenwelt sehnen sie sich nach Zucht und Ordnung, nach einem Diktator, der klare Regeln vorgibt und lebensunwerte Störenfriede auslöscht. Nach dem Naziparolen-Gegröle auf Sylt und in Niederösterreich sind kürzlich auch Videos aus zwei Kärntner Discotheken aufgetaucht, in denen Gäste zur Melodie von Gigi D‘Agostinos „L‘ amour toujours“ Parolen wie „Ausländer raus!“ brüllen. Die Polizei ermittelt, es hagelt Kritik an den gefährlichen Schreihälsen. Völlig zu Recht!
„Erinnern tut weh. Es löst Entsetzen aus und lässt verstummen und aufschreien zugleich. Sich den bedrückendsten Wahrheiten unserer Geschichte zu stellen, ist unverzichtbar!“, meinte die deutsche Politikerin Rita Süßmuth. Wenn es darum geht, sich unserer Geschichte zu stellen, finden Neo- und Alt-Nazis sofort „alternative Fakten“ und mutieren zu wahren Geschichtsverdrehern und erbärmlichen Holocaust-Leugnern. 60 Millionen Tote in einem albtraumhaften Weltkrieg, die den Allmachtsfantasien eines größenwahnsinnigen Tyrannen zum Opfer gefallen sind, werden bedenkenlos zur Seite gewischt. Noch heute fantasieren Ewiggestrige von einem „Heimkehren ins Reich“ und einer „auserkorenen Rasse“. Und man trommelt gegen die „stets bösen Ausländer“, „kriminelle Asylanten“, „Massen-Zuwanderung“ und die „heimliche Eroberung Europas durch geburtenfreudige Moslems“. Ohne Zweifel – man muss bestehende Probleme der Immigration klar ansprechen können, ohne gleich als „rechtspopulistisch“ abgestempelt zu werden. Etwa Schwierigkeiten im Bildungssystem, fehlende Unterbringungsmöglichkeiten oder entstehende „Parallel-Welten“ in unserer Gesellschaft. Sonst überlässt man diese heiklen Themen einer bestimmten Partei, die damit bei verunsicherten Wählern seit Jahren Stimmen sammelt. Eine Demokratie muss freilich viel aushalten können. Es gibt allerdings klare Grenzen. Etwa wenn vermummte Demonstranten auf der Straße ein Kalifat (Gottesstaat mit religiösem Führer) fordern. Diese Herrschaften sollen das einmal bei ihren moslemischen Brüdern im Königreich Saudi-Arabien versuchen, wo sie vermutlich sofort von der Bildfläche verschwinden würden.
Zurück zu den Schreihälsen in Kärntner Discos: Die Betreiber haben sich für die Nazi-Parolen entschuldigt, andere Kärntner Nachtlokal-Besitzer posteten auf sozialen Medien die Botschaft: „Liebe Ausländer, bitte lasst uns nicht mit den Rassisten allein!“. Einige Lokalbetreiber kündigten einen 50-Prozent-Rabatt für alle Menschen mit ausländischem Pass an. Und viele Gastronomen ließen wissen: „Wir sind Multi-Kulti!“ Das sind echte Lichtblicke. Entrüstet zeigte sich auch Kärntens Landeshauptmann Peter Kaiser, der sich stets für gelebte Toleranz und Offenheit einsetzt. Der Regierungschef sprach von einem „unappetitlichen Unfug, der in sozialen Medien Nachahmer findet“. Laut Kaiser müssen Toleranz und Respekt in einer Demokratie jeden Tag erarbeitet und verteidigt werden. Der Landeshauptmann wörtlich: „So sind wir nicht!“ Und VP-Clubobmann Markus Malle kritisierte die Vorfälle mit den Worten: „Ausländerfeindliche Gesänge sind keine Party-Gags, sondern lupenreiner Rassismus – das darf es bei uns nicht geben!“ Der Klagenfurter Bürgermeister Christian Scheider, der sich für die Erinnerungskultur einsetzt: „Offensichtlich fehlt jenen Personen, die hier gesanglich in Erscheinung getreten sind, das geschichtliche Hintergrundwissen. Das ist kein Spaß!“ Kärntens Spitzenpolitiker sind sich einig, dass diese Tendenz sofort gestoppt werden muss. Rassistische und ausländerfeindliche Wortfetzen für ein Lied, das eigentlich der Liebe gewidmet ist? Der italienische Sänger Gigi D‘Agostino meinte in einem „Krone“-Interview: „Am Ende wird die Liebe stärker sein als der Hass!“ Wollen wir es hoffen. Und vielleicht dringt diese klare Botschaft in einige kahl rasierte Köpfe jener Unbelehrbaren, die einen kleinen schnauzbärtigen und mit Komplexen behafteten Mann als Helden sehen, statt als das, war der Braunauer wahr: Ein gewissenloser Massenmörder, der sich durch Suizid auf feige Weise dem internationalen Gerichtshof entzogen hat. Wehret den Anfängen? Der erschreckende Zulauf rechtsextremer Parteien in ganz Europa zeigt – das ist nicht der Anfang, wir sind leider schon „mittendrin“.

