NR-Wahl
Aufmarsch der Kärntner Kandidaten
„Politik ist die Kunst des Möglichen!“, das Bismarck-Zitat wird gerne bei hitzigen Diskussionen verwendet. Trotzdem muss der interessierte Beobachter über unmöglich erscheinende Entscheidungen staunen, so etwa bei der Nationalratskandidaten-Liste der Kärntner Parteien.
Die Kärntner Parteien schicken eine bunte Mischung aus erfahrenen und neuen Kandidaten ins Rennen, um bei der bevorstehenden Wahl zu punkten.© Leopictures/Pixabay
Die „Blauen“ schicken zwei ehemalige Partei-Chefs ins Rennen, die „Schwarzen“ zwei Oldies, die kaum als Zukunftschance für die (Noch)Kanzler-Partei gesehen werden können. Die „Roten“ setzen auf einen jungen Routinier, der im Parlament bereits eine wichtige Rolle spielt. Die Grünen bauen auf ihre Landessprecherin, ein Gemeinderat soll für die Neos punkten.
Grundsätzlich spricht nichts gegen ein fortgeschrittenes Alter samt Berufserfahrung, ohne dass man gleich auf US-Präsident Joe Biden und seine „Ausrutscher“ verweisen muss. Es gab Volksvertreter mit Charisma, die etliche Jahrzehnte auf dem Buckel hatten. So galt der Kärntner VP-Spitzenkandidat Gabriel Obernosterer – er feiert im nächsten Jahr den 70er — lange Zeit als personelle Bereicherung des Nationalrates: Ungezügeltes Temperament, Lesachtaler Dialekt und direkte Ansagen. Mittlerweile wirkt der Hotelier, Tuffbad-Pionier, Ex-Wiener-Wald-Manager und Ex-Naturrodelbahnfahrer etwas abgekämpft und „politisch verbraucht“. Warum klebt er aber am Nationalratssessel? Muss der Lesachtaler seine Biografie „Mein Weg“ mit satten 256 Seiten doch umschreiben? Und die Kärntner Zweitgereihte Elisabeth Scheucher, die ein Jahr älter ist als Obernosterer? Zweifellos eine charmante Persönlichkeit mit sozialer Ader, die sich für das Hilfswerk, Frauen und Senioren engagiert. Doch die Nationalratsabgeordnete hat bereits 2004 als VP-Spitzenkandidatin im Landtagswahlkampf eine herbe Niederlage einstecken müssen. Insider stellen sich die Frage: Warum tut sich die Unternehmerin das noch an? Die weiteren VP-Kandidaten: Johann Weber, Sandra Lassnig und Peter Weidinger. Der Abgeordnete Weidinger sorgte 2021 für Aufsehen, als ihm Plagiatsversuche in seiner Diplomarbeit vorgeworfen worden sind. Diese hatten sich jedoch nicht bestätigt. Bei der Kärntner FP soll der abservierte Parteichef, Ex-Landesrat, FP-Klagenfurt-Obmann und Landtagsabgeordnete Gernot Darmann dafür belohnt werden, dass er letztlich Erwin Angerer Platz gemacht hat. Weiters auf der „blauen“ NR-Liste: Der Gastwirt, Ex-BZÖ-Politiker und NR Maximilian Linder und Gemeinderätin Tina Berger. Ebenfalls „vorne“ zu finden: Der Wolfsberger Rechtsanwalt und NR Christian Ragger. Der ehemalige geschäftsführende Parteiobmann der FPK und Ex-Landesrat soll einige Zeit für die Flughafengesellschaft gearbeitet haben, als diese noch mehrheitlich Franz Peter Orasch gehörte. Und die Kärntner „Roten“? Die ziehen mit dem Ex-Klagenfurt-Obmann NR Philip Kucher an der Spitze in die „Wahlkampf-Schlacht“. Der geschäftsführende Klubvorsitzende der Bundes-SP fiel in den letzten Monaten bei Nationalratssitzungen in der Polit-Arena und in Medien durch bemerkenswerte Wortmeldungen zu sozialen, finanziellen und Gesundheitsthemen auf, kritisierte die Regierung wegen der „vorherrschenden Teuerung“ und gilt mittlerweile – trotz Gewichtsabnahme — schon als „rotes Schwergewicht“. So ortete Kucher bei der Zusammenlegung der Gebietskrankenkassen „den bittersten Schmäh aller Zeiten“. Denn statt der groß angekündigten eigesparten Patienten-Milliarde (laut der damaligen VP/FP-Koalition) errechnete der Rechnungshof Mehrkosten von über 200 Millionen Euro. Die damals zuständige FP-Gesundheitsministerin Beate Hartinger-Klein gestand vor einem U‑Ausschuss: „Das war ja nur ein Marketing-Gag!“ Da bleibt einem die Spucke weg! Die weiteren „roten“ Spitzen auf der Kärntner Liste: Nationalrätin Petra Oberrauner, Clemens Mitteregger, Daniela Lerchbaumer und Kerstin Dohr.

Das „Team Kärnten“ beschränkt sich, wie der Name schon sagt, auf unser Bundesland, dabei hat TK-Chef, Ex-Landesrat, Ex-Stronach‑, Ex-SP-Politiker, Landtagsabgeordnete, Energetiker, Ex-Gendarm und Bürgermeister Gerhard Köfer bereits „Wiener Luft“ geschnuppert. Als Nationalrat von 2006 bis 2013. Und die Spitzenkandidaten der Klein-Parteien Grüne und Neos? Nun, die Grünen, die sich derzeit im Bund nach dem Gewessler-Renaturierungsgesetz ‑Ausritt mit dem Koalitionspartner VP im „Krieg“ befinden, schicken ihre nicht immer glücklich agierende Kärntner Landessprecherin und Vizeklubobfrau NR Olga Voglauer ins Rennen. Ebenfalls dabei: Gemeinderätin Karin Herkner, Dora Gmeiner-Jahn und Michael Hirzbauer. Und die Neos, für die Kärnten ein eher bescheidenes Polit-Kapitel schreibt? Schafft ein Kärntner Kandidat am 29. September den Einzug ins Hohe Haus? Kaum. Die „pinke“ Liste wird vom Klagenfurter Gemeinderat und Landessprecher Janos Juvan angeführt. Er war nicht immer unumstritten, vor allem nach dem schlechten Abschneiden der Neos bei der Landtagswahl. Weitere „pinke“ Kandidaten: Iris Sophie Glanzer und Christina Holmes.
Wie die EU-Wahl gezeigt hat, kämpfen drei etwa gleich starke Parteien um die Stimmen der Österreicher und Österreicherinnen, dazu gesellen sich noch einige Kleinparteien. Schließlich entscheidet der (Nicht)Wähler. Der Wahltag gilt beim Urnengeher als Zahltag. Und die Meinungsforscher haben sich zuletzt bei ihren Vorhersagen gewaltig geirrt. Eine Nationalratswahl unterliegt meist „anderen Gesetzen“, als ein Urnengang für die EU, für ein Bundesland oder eine Kommune. Und schnell kann der Traum vom Kanzler für den einen oder anderen Kandidaten platzen und sich in Luft auflösen. Man wird sehen. Spätestens am 29. September.
