Kommentar
Der „Oberblaue“ Erwin Angerer verschießt Giftpfeile
Peinlich, peinlicher – Erwin Angerer. Der Kärntner FP-Chef sorgt mit seiner Äußerung „und dafür werden wir sie (gemeint ist SP-Gesundheitsreferentin Landesrätin Beate Prettner. Anm. d. Verf.) im Landtag herprügeln“ für einen Sturm der Entrüstung.
© FPÖ
Während Vertreter aller anderen Parteien die derbe Wortwahl des Mühldorfers bei einer „FP-Heimattour“ in Kappel/Krappfeld scharf kritisieren, geht der Oberkärntner nach einem bewährten Muster vor: Zunächst unter die Gürtellinie zielen, verbal ordentlich austeilen, mit schlagkräftigen Worten politische Gegner beleidigen und danach von „Missverständnissen“ und „falschen Auslegungen“ plappern. Das hat einer meisterhaft verstanden, dem der farblose Angerer als politisches „Leichtgewicht“ nicht einmal den kleinen Finger reichen könnte – Jörg Haider, ungekrönter Meister der Rhetorik. Also: Zuerst gewaltig anpatzen, einen künstlichen Wirbel für Medien produzieren und sich dann kurz entschuldigen. „War ja eh nicht so gemeint!“ Doch die Botschaft an bestimmte Gruppen und Anhänger ist „draußen“, man hat volle Härte demonstriert, kräftig auf den Tisch geklopft und denen „da oben“ in der Landesregierung die ausgestreckte Zunge gezeigt.
Nach dem Rücktritt von Gernot Darmann präsentierte sich der zweifache Oberkärntner Familienvater und Freund der Scheuch-Brüder als einer, der nur mit Sachthemen punkten und keinesfalls laut polternd durchs Land ziehen wollte.
Möglicherweise wurde Angerer zur „Prügel-Aussage“ durch die Anwesenheit seines Bundespartei-Chefs Herbert Kickl animiert, der bei seinen Reden nicht gerade durch eine besonnene Wortwahl glänzt und politische Mitbewerber mit unsäglichem Spott und Hohn überzieht. Beleidigungen und herablassende Witze zielen darauf ab, Menschen zu demütigen und das eigene Ego zu erhöhen. Was das alles mit sachlicher Politik zu tun hat? Nichts! Hauptsache, grölende Schenkelklatscher und neugierige Bierzelt-Besucher werden bestens unterhalten. Wie hätte die FP wohl reagiert, wenn ein Vertreter der VP, der SP oder des Team Kärnten lautstark gefordert hätte, man möge Erwin Angerer im Landesparlament herprügeln, man möge den Kärntner FP-Chef bei der Tür hinausfotzen, man solle den „Oberblauen“ endlich das Rederecht im Landtag entziehen? Der FP-Klubchef wäre wohl in die typische Märtyrer-Rolle geschlüpft und hätte den „Ewig-Verfolgten“ gespielt. Andererseits scheint Angerer Wort zu halten – er versprach nämlich in einem Interview, „nicht lange um den heißen Brei herumzureden, wenn dies notwendig ist“. War das notwendig?
Selbstverständlich gilt sachliche Kritik an andere Parteienvertreter, Organisationen bzw. deren Aufgabengebiete als legitim und manchmal als „Würze“ demokratischer Ausdrucksformen. Und nicht jeder „Rülpser“ muss gleich hinterfragt oder mit einer Rücktrittsforderung „garniert“ werden. Doch Erwin Angerer erweist sich in diesem Fall als „Wiederholungstäter“. Der FP-Klubchef hatte erst kürzlich im Landtag Kindergärten mit „kommunistischen Umerziehungslagern“ verglichen und sich danach für die „nicht glücklich gewählte Wortwahl“ entschuldigt. Man erkennt das Muster. Und dem leidenschaftlichen Oberkärntner Jäger und Ex-Nationalrat dürfte es ziemlich egal gewesen sein, dass er von ÖVP-Klubchef Markus Malle („Er weiß offenbar nichts von Gräueltaten in kommunistischen Umerziehungslagern“) und Grünen-Chefin Olga Voglauer („Die Wortmeldung verletzt die Würde des Hauses“) zurechtgewiesen worden ist. Diesmal reagierte die betroffene Gesundheitsreferentin Prettner mit der Feststellung: „Diese Aussage richtet sich von selbst. Wenn ein Politiker inhaltlich nicht mehr argumentieren kann, dann ist er fehl am Platz“. Die SP-Bundesvorsitzende Eva-Maria Holzleitner sprach von einer „Vergiftung des sozialen Klimas“ und Landtagspräsident Reinhart Rohr erinnerte daran, dass das Landesparlament ein Ort der niveauvollen kritischen Diskussion sei und nicht als Kampfring für verbale Prügelattacken missbraucht werden sollte. „Völlig niederträchtig“ fand die Abgeordnete Marina Koschat-Koreimann (Team Kärnten) Angerers Aussage und VP-Frauensprecherin Stefanie Ofner ergänzte: „Zum wiederholten Male verwechselt Angerer den Landtag mit einem alkoholgetränkten Bierzelt“. Der wackere Oberkärntner verteidigt sich damit, dass auch nach einem verlorenen Fußballmatch Spier erklären würden, sie hätten ordentlich Prügel bezogen. Damit sei auch keine Massenschlägerei gemeint. Der Vergleich hinkt – bei einem Match kann es zu körperlichen Attacken kommen, im Landesparlament hat eine Prügelei absolut nichts verloren!

Der Ordnung halber sei festgestellt, dass auch Vertreter anderer Parteien schon mit deftigen Ausdrücken und persönlichen Beschimpfungen aufgefallen sind, die in einigen Fällen sogar einen Rücktritt rechtfertigen würden. Doch die Aufforderung zur Gewalt – missverständlich gemeint oder nicht – sprengt moralische Grenzen, schürt Hass und ist daher strikt abzulehnen. Noch dazu in einer Zeit, wo Femizide, Vergewaltigungen und häusliche Gewalt eklatant zunehmen. In der menschlichen Interaktion können ätzende Wörter physische Gewalt auslösen, können verletzen, können kränken. Sprachliche Verrohung fördert gewalttätiges Handeln und mindert nicht nur die Schwelle zu Ausfällen gegenüber anderen, sie macht aggressiv und fördert mitunter das Gefühl „Mir geht es schlecht – schuld sind die anderen“. Man sollte an Konfuzius denken, der einmal meinte: „Die Schmähung beleidigt nur denjenigen, der sie ausspricht“.
Womit Angerer zuletzt noch aufgefallen ist? Mit einem umstrittenen Almhütten-Projekt in Mühldorf am „Freizeitgelände Gondelwiese“ samt Umwidmung eines 2300 Quadratmeter großen Areals in 1200 m Seehöhe. Angerer schenkte einem nahen Verwandten das Grünland, das nach kurzer Zeit wertsteigernd umgewidmet worden ist. Aber das ist eine völlig andere Geschichte.
„Wer ist der Erwin?“ ließ die Kärntner FPÖ vor Monaten plakatieren. Mit seinen dreisten Sprüchen hat es Angerer geschafft – man weiß mittlerweile, wer er ist und wie er denkt.
